Tourengehen zwischen Genuss und Gefahr.  So wie Marcel Hirscher verfallen immer mehr Menschen der Skitouren-Leidenschaft. Corona hat den Trend befeuert. Für Unerfahrene birgt das freie Gelände jedoch viel Risiko. Experten verraten, worauf zu achten ist.

Im Stangenwald gilt er als bester Rennläufer der Geschichte. Abseits der Piste behauptet selbst ein Ausnahmekönner wie Marcel Hirscher, ein „Anfänger“ zu sein und „noch vieles lernen“ zu müssen, was Schneebeschaffenheit und die Lawinengefahr anbelangt. Allein diese aufrichtige Selbsteinschätzung eines der besten Alpinsportler veranschaulicht die enorme Komplexität und Gefahr des Tourenskisports. Seit seinem Karriereende ist Hirscher der Leidenschaft völlig verfallen. Ein Blick auf seine Social-Media-Profile lässt keinen Zweifel aufkommen: Marcel im weißen Rausch!

Die erste „Line“ in den unberührten Pulverschnee zu ziehen, wirkt auf viele Sportler fast schon magisch. So sehr, dass sie im frühen Morgengrauen bereitsmit Stirnlampen Richtung Gipfel ziehen, um möglichst ungestört und alleine das Freiheitsgefühl auskosten zu können. „Die Gelassenheit gegenüber früher ist verloren gegangen. Kaum ist der erste Schnee da, wollen viele hinaus. Selbst bei den widrigsten Bedingungen. Und das birgt natürlich die größten Gefahren“, sagt dazu Peter Paal, Präsident des Kuratoriumfür Alpine Sicherheit (ÖKAS).

Unfallzahlen steigen
Seit Jahren erfährt der Tourenskisport einen noch nie da gewesenen Boom. Er wird durch die Corona-Pandemie, das damit veränderte Freizeitverhalten und Umstände wie gesperrte Skigebiete nochmals deutlich befeuert. Nach Angaben des Kuratoriums bewegt sich die Zahl der potenziellen Skitourengeher in Österreich zwischen 400.000 und 700.000 Personen – je nachdem, welchen Untersuchungen man Glauben schenkt. Die Wahrheit liege vermutlich in der Mitte. „Wir rechnen mit einem zweistelligen Zuwachs an Tourengehern und einem noch höheren prozentuellen Anstieg an Schneeschuhwanderern in diesemWinter“, sagt Paal. Es sei dementsprechend zu befürchten, dass in weiterer Folge auch die Zahl der Verunfallten und Verunglückten ähnlich wie im letzten Sommer im Gelände steigen wird.
Bereits der vergangene Corona-Sommer habe deutlich einen Trend erkennen lassen. 3.204 Bergunfälle mit 2.527 Verletzten und 122 Alpintoten vom 1. Mai bis 30. September 2020 in Österreichs Bergen bedeuteten einen absoluten Negativrekord. Laut Alpinunfallstatistik gab es eine Zunahme an Alpinunfällen von mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre.

Wenig Vorkenntnisse
Auch wenn durch den Corona-bedingten Einbruch des Skitourismus die Pistenunfälle heuer massiv zurückgehen werden, rechnet man auf der anderen Seite mit einer Zunahme der Zwischenfälle imfreienGelände. Laut Paal hätten gerade „urbane Gelegenheitssportler“ wenig Vorkenntnisse und „wenig technisches Know-how, wie man sich im alpinen Gelände und im Schnee bewegt“. Der Sommer habe gezeigt, dass sich zunehmend mehr Menschen in den Bergen aufhalten, die dort sonst gar nicht oder nur selten anzutreffen sind. „Die Pandemie hat den Trend zum alpinen Outdoorsport wesentlich beschleunigt“, erklärt Paal.

Pistengehen vs. freies Gelände
Diese Beobachtungen decken sich auch mit jenen der Österreichischen Bergrettung. „Gerade in der Nähe der Ballungszentren sind so viele Menschen wie nie zuvor im alpinen Bereich unterwegs“, sagt der Chef der Bergrettung NÖ/Wien, Matthias Cernusca. Grundsätzlich sei dieser Trend hin zu einer sportlichen Lebensweise zu begrüßen. „Wenn man sich nicht selbst überschätzt“.
Wer keine Kurse besucht, kaum Lawinenkenntnisse hat und nur Tourenski und Felle besitzt, der habe abseits der Piste nichts verloren. „Diese Personen sollten sich eher an das Pistengehen halten“, sagt Cernusca. Wen es hingegen ins freie Gelände zieht, für den ist eine Standard-Sicherheitsausrüstung mit Lawinenverschütteten-Suchgerät (Lawinenpieps), Sonde und Schaufel ein absolutesMuss, sagt der Bergretter. Seit einigen Jahren sei zum Glück auch ein deutlicher Trend zumLawinenairbag zu erkennen. „Wir sehen, dass die Leute immer besser ausgerüstet sind. Das ist sehr positiv, allerdings nützt einem das beste Equipment nichts, wenn man nicht weiß wie man damit umgeht“, erklärt Cernusca. Er empfiehlt Tourengehern deshalb dringend, einen der Kurse zu besuchen, den alpine Vereine oder Bergführer laufend anbieten.

Auch Marcel Hirscher überlasse im freien Gelände nichts dem Zufall oder Glück. Mit einem seiner Lehrmeister, dem legendären Hias aus dem Lammertal, hatte auch schon der KURIER das Vergnügen. In fast allen alpinen Regionen gibt es laut Kuratorium für alpine Sicherheit erfahrene Bergführer, die einem zum ungefährlichen Tourenerlebnis verhelfen.

(Autor: Patrick Wimmerl, KURIER)
(Foto: Pixabay)