Der Trend, dass immer mehr Menschen die Berge für sich entdecken, die in ihrem Leben bisher nur geringe bis gar keine alpinistische Erfahrungen gesammelt haben, ist bereits seit mehreren Jahren zu beobachten. Die Pandemie, die uns nun bereits ein Jahr lang begleitet, scheint diese Tendenz – auch mangels vieler anderer Freizeitalternativen – noch verstärkt zu haben.

Gleichzeitig offenbart das Einsatzgeschehen – in diesem Fall geht es um das Rax-Schneeberg-Gebiet, das gerade für Neo-Bergsteigerinnen und Bergsteiger ein beliebtes Ausflugsziel darstellt – einen weiteren Trend: Hilfeleistungen für unverletzte Personen, die aufgrund mangelnder Orientierung, Erschöpfung oder Überforderung aufgrund des Schwierigkeitsgrades der gewählten Route einen Notruf absetzen, sind ebenfalls im Zunehmen begriffen. In den letzten zwei Jahren entfiel jeweils ein Drittel der Einsätze der Ortsstelle Reichenau an der Rax auf die Suche nach bzw. Bergung von Unverletzten.

Die meisten dieser Einsätze lassen sich im Wesentlichen auf eine mangelhafte Tourenplanung zurückführen, was zuweilen darin gipfelt, dass Personen spontan beschließen, einfach einem Wegweiser zu folgen, ohne über die Anforderung der gewählten Route Bescheid zu wissen oder auch querfeldein eine vermutete Abstiegsmöglichkeit ins Tal zu wählen, die dann nicht selten vor einem Felsabbruch endet.

Dennoch erscheint der Vorwurf, dass auf eine Tourenplanung generell verzichtet wird, in dieser Pauschalität nicht gerechtfertigt. Nicht immer geraten Menschen am Berg in prekäre Situationen, weil sie sich völlig unvorbereitet in ein Bergabenteuer stürzen. Das Internet und die Möglichkeiten digitaler Medien ganz allgemein machen es leicht, sich vorab wie vor Ort zu informieren, sei es über mögliche Routen inklusive Wegfindung mittels Apps, das aktuelle Wetter oder die Öffnungszeiten von Berghütten. Und diese Möglichkeiten werden durchaus genutzt.

Leider zeigt die Erfahrung auf Basis der Einsatzstatistiken, dass dies allerdings in vielen Fällen nicht ausreichend ist. Gerade am Berg geht es immer auch darum, Informationen zu bewerten und in einen Gesamtkontext zu stellen. Dass es beispielsweise nicht genügt, lediglich Routenverlauf und Schwierigkeitsgrad eines Klettersteiges zu recherchieren, zeigt sich alljährlich im Frühjahr am Alpenvereinssteig auf der Rax – so auch am heurigen Palmsonntag. Nach einem schneereichen Winter ist auf diesem nordwestseitig gelegenen Aufstieg mit dem Schwierigkeitsgrad B oft bis weit in den Mai hinein mit Schnee im oberen Bereich zu rechnen. Im Frühjahr kommt es regelmäßig zu Einsätzen, weil Personen auf den steilen, zum Teil pickelhart gefrorenen Schneefeldern nicht mehr vor und zurück können. An diesem Beispiel wird deutlich, dass etwa die Tatsache, dass sich die Verhältnisse am Berg und im Tal, auch in Abhängigkeit von der Jahreszeit, zum Teil beträchtlich unterscheiden können, bei jeglicher Tourenplanung selbstverständlich mitzudenken ist.

Speziell auf diesem Steig scheinen interessanterweise insbesondere Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus dem Nachbarland Tschechien überzufällig häufig die Hilfe der Bergrettung zu benötigen. Eine mögliche Antwort lieferte die Bergung dreier Personen im Frühjahr 2019, die auf eine tschechische Internetseite verwiesen, wo der Alpenvereinssteig angeblich als der leichteste versicherte Klettersteig im Raxgebiet angepriesen wird, der auch mit Kindern zu begehen sei. Hier zeigt sich eine weitere Problematik: Informationen aus dem Internet sind zwar jederzeit und für alle zugänglich, unterscheiden sich jedoch zum Teil erheblich in Bezug auf Qualität und Vertrauenswürdigkeit. Obwohl natürlich nicht jedes Posting in der Facebook-Gruppe oder in diversen Foren pauschal als unseriös zu bewerten ist, ist es doch dringend zu empfehlen, diese Infos nicht als alleinige Ressourcen heranzuziehen, sondern sie zumindest mit verlässlichen Quellen wie etwa den Seiten der Alpinen Vereine zu validieren. Gerade für Personen mit wenig Bergerfahrung stellt nicht zuletzt eine differenzierte und detaillierte Tourenbeschreibung mit Verweis auf spezielle Gefahren und Herausforderungen als wichtiges Hilfsmittel dar, um zu entscheiden, ob man der Tour gewachsen sein wird oder nicht.

Das Stichwort „Hilfsmittel“ führt weiter zu den beliebten Apps, die gerne zur Wegfindung eingesetzt werden. Auch hier belegt die Einsatzstatistik, dass Informationskompetenz eine wichtige Voraussetzung am Berg darstellt. Das beginnt bereits mit der Wahl der richtigen App. Dabei hat sich auf der Rax bereits mehrfach gezeigt, dass Google Maps als Navigationshilfe mit Vorsicht zu genießen ist. So war bis vor kurzem auf Google Maps zwischen Talstation und Bergstation der Raxseilbahn ein mit dem Auto befahrbarer, in der Realität jedoch nichtexistierender Weg eingezeichnet, was in den letzten Jahren mehrere Einsätze aufgrund von Verirren (darunter einen mit einem wenige Wochen alten Säugling) zur Folge hatte. In einem anderen Fall waren zwei Frauen selbstverständlich davon ausgegangen, dass es sich bei einem in der (nicht näher bekannten) App eingezeichneten Weg um einen markierten Wanderweg handle. Sie mussten gemeinsam mit ihren Hunden von dem ungekennzeichneten, unbefestigten und zum Teil durch schrofiges Gelände führenden Steig ausgeflogen werden.

Was von Bergerfahrenen mitunter kopfschüttelnd als „normaler Hausverstand“ tituliert wird, gestaltet sich in Wahrheit gerade am Berg als durchaus komplexer Vorgang, bei dem eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen ist. Wer von Kindesbeinen an Lernerfahrungen am Berg gesammelt hat, ist hier ganz klar im Vorteil, da das implizite Wissen und der Erfahrungsschatz von Jahrzehnten stets als Referenz herangezogen werden können. Dies schließt auch konkrete Bewegungserfahrung mit ein – Trittsicherheit lässt sich nun einmal schwer aus dem Internet downloaden.

Informationskompetenz am Berg bedeutet nicht zuletzt auch, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und die eigene Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen, also gleichsam auch über sich selbst umfassend informiert zu sein. Dies eröffnet vor allem auch die Möglichkeit, im Zweifelsfall rechtzeitig umzukehren, wenn man bemerkt, dass man den Herausforderungen, die vor einem liegen, wahrscheinlich nicht gewachsen sein wird.
Vielleicht ist das letztendlich sogar der wichtigste Faktor von allen.