Chronik
ein geschichtlicher Rückblick
Vom Wissen, Auto und Retten – 1896 bis jetzt: 130 Jahre Bergrettung und alpiner Geist
Alpine Innovation aus Wien und Niederösterreich
Nunmehr vor 130 Jahren ereignete sich auf der Rax ein Unglück, das weit über diesen Berg hinaus Geschichte schreiben sollte. Am 8. März 1896 kamen am Reißtalersteig drei Wiener Bergsteiger in einer Lawine ums Leben. Die Tragödie wurde zum unmittelbaren Anstoß für eine Idee, die das alpine Rettungswesen grundlegend verändern sollte: Hilfe im Gebirge nicht länger dem Zufall, einzelnen Kameraden oder spontaner Improvisation zu überlassen, sondern sie zu organisieren.
Doch wer 130 Jahre Bergrettung betrachtet, sollte nicht nur auf eine Rettungsorganisation blicken. Denn ihre Entstehung erzählt zugleich eine größere Geschichte: jene einer bemerkenswerten Phase des österreichischen Alpinismus, in der Forschergeist, Bildung, technischer Erfindungsreichtum und sportlicher Wagemut eng miteinander verbunden waren – getreu zweier Prinzipien, an denen sich auch unser Verband orientiert – Scientia und Amiticia.
Ein Unglück auf der Rax – und eine Idee in Wien
Am 8. März 1896 wurden am Reißtalersteig auf der Rax drei Wiener Bergsteiger von einer Lawine verschüttet und getötet. Das Unglück löste in den alpinen Vereinen Wiens eine Diskussion aus: Hilfe für Verunglückte im Gebirge durfte nicht länger allein vom Zufall, von anwesenden Bergsteigern oder lokalen Helfern abhängen. Sie musste organisiert werden.
Vertreter mehrerer alpiner Vereine verständigten sich darauf, in Wien eine gemeinsame Zentralstelle für alpine Unglücksfälle zu schaffen. Daraus entstand der Alpine Rettungsausschuss Wien, kurz ARAW, mit Heinrich Krempel als erstem Leiter – nach ihm ist übrigens auch die Krempel-Hütte am westlichen Teil des Schneebergs benannt, auf der heute die Bergrettung Wien ihre Dienste verrichtet. Er gilt als erste organisierte alpine Rettungsorganisation der Welt und als Vorläufer des heutigen Österreichischen Bergrettungsdienstes. Das Wiener Modell fand rasch über Österreich hinaus Beachtung. Auch aus der Schweiz, Italien und Frankreich interessierten sich alpine Vereinigungen für die Erfahrungen des ARAW.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur, dass eine Bergrettung gegründet wurde, sondern wie man auf das Problem reagierte: mit Organisation, Kooperation und Systematisierung. Man analysierte eine Schwachstelle und entwickelte daraus eine Struktur. Das ist, in heutiger Sprache, Innovation.
Damit entstand die organisierte Bergrettung nicht in einem der heute mit Hochalpinismus besonders stark assoziierten westlichen Bundesländer, sondern in Wien – als Reaktion auf ein Unglück in Niederösterreich.
Das widerspricht einem verbreiteten Bild. Wer heute an österreichischen Alpinismus denkt, denkt schnell an Tirol, Salzburg oder Vorarlberg. Die Geschichte ist komplexer. Wien und Niederösterreich waren um 1900 wichtige intellektuelle und organisatorische Zentren des Alpinismus. Die Berge begannen hier gewissermaßen schon in der Stadt: in Universitäten und Schulen, in alpinen Vereinen und wissenschaftlichen Gesellschaften, in Werkstätten, Redaktionsstuben und in den Köpfen einer Generation, die wissen wollte, was jenseits des bereits Bekannten lag.
Eine Generation, die ausprobieren wollte
Kaum jemand verkörpert diese Haltung besser als Mathias Zdarsky. In Lilienfeld experimentierte der ausgebildete Lehrer mit einer Frage, die heute beinahe banal erscheint: Wie lässt sich der Ski so verändern, dass er nicht nur im nordischen Flachland, sondern im steilen alpinen Gelände kontrolliert werden kann?
Zwischen 1890 und 1896 entwickelte er seine seitenstabile Lilienfelder Stahlsohlenbindung, verkürzte die damals gebräuchlichen langen Skier und entwickelte eine Fahrtechnik für steiles Gelände. 1896 erschien seine „Lilienfelder Skilauf-Technik“. 1905 veranstaltete er am Muckenkogel bei Lilienfeld den ersten alpinen Torlauf der Skigeschichte. In seinen Kursen wurden später Tausende Menschen ausgebildet.
Interessant ist daran weniger der Anspruch, einem einzelnen Menschen „die Erfindung des Skifahrens“ zuzuschreiben. Spannend ist seine Methode: beobachten, ausprobieren, scheitern, verändern, neuerlich erproben, Wissen systematisieren, publizieren und schließlich lehren. Zdarsky betrieb Innovation praktisch als empirischen Prozess.
Derselbe Wissensdurst begegnet uns bei Dr. Eugen Guido Lammer. 1863 in Rosenburg am Kamp geboren, studierte er Germanistik in Wien und promovierte 1884 im Alter von nur 21 Jahren zum Doktor der Philosophie. Er wurde Gymnasialprofessor, Schriftsteller und einer der prägenden Alpinisten seiner Zeit. Lammer suchte neue Wege auf Rax und Schneeberg, unternahm anspruchsvolle Alleingänge und gehörte zu jenen, die das führerlose Bergsteigen und damit die Eigenverantwortung des Alpinisten vorantrieben – etwas das wir im heutigen Alpinismus über weite Strecken vermissen.
Bei Lammer wird sichtbar, dass Alpinismus damals weit mehr war als Sport. Er wurde zum Gegenstand philosophischer Reflexion, zu einem Experimentierfeld persönlicher Grenzerfahrung und zu einer Auseinandersetzung mit Natur, Risiko und moderner Gesellschaft. Dass ein promovierter Germanist und Pädagoge zugleich neue Aufstiege auf Rax und Schneeberg suchte, erscheint aus heutiger Perspektive vielleicht ungewöhnlich. Für jene Epoche ist gerade diese Verbindung von geistiger und körperlicher Exploration charakteristisch.
Auch Dr. Julius Kugy, der 1882 an der Universität Wien zum Doktor der Rechtswissenschaften promovierte, verband Bergsteigen mit Naturwissenschaft, Botanik, Musik und Literatur und wurde später zum großen Erschließer der Julischen Alpen. Und der Jurist und Universitätsprofessor Dr. Viktor Wolf von Glanvell verband eine bemerkenswerte wissenschaftliche Karriere im Kirchenrecht mit rund 150 alpinen Erstbegehungen.
Diese Biografien zeigen ein Milieu, in dem akademische Bildung und Alpinismus keineswegs getrennte Welten darstellten. Der Berg war Forschungsraum, sportliche Herausforderung und geistiges Labor zugleich.
Vom Namen zum Verb: Dr. Karl Prusik
Besonders anschaulich wird die Verbindung von Bildung, Technik und Alpinismus bei Dr. Karl Prusik. Der 1896 in Wien geborene Bergsteiger studierte Musikwissenschaft und promovierte 1923. Neben seiner Tätigkeit als Musikpädagoge gelangen ihm zahlreiche Erstbegehungen. Weltbekannt wurde sein Name jedoch durch eine technische Entwicklung: den 1931 publizierten Prusikknoten.
Ein Stück Reepschnur, ein Seil und eine vergleichsweise einfache Idee wurden zu einem Werkzeug, das Generationen von Bergsteigern kannten und das bis heute etwa in der Spaltenbergung, beim Abseilen und in Rettungstechniken Anwendung findet. Aus dem Eigennamen wurde im Sprachgebrauch sogar ein Tätigkeitswort: „prusiken“.
Eine akademische Betrachtung darf Biografien allerdings nicht zu Heldenerzählungen glätten. Prusiks spätere politische Rolle und seine Verbindungen zum Nationalsozialismus gehören ebenso zur historischen Einordnung wie seine alpinistischen und technischen Leistungen; einzelne Details seiner politischen Biografie werden in der Literatur zudem unterschiedlich beurteilt.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Erinnerung und Geschichtswissenschaft: Geschichte soll Leistungen sichtbar machen, ohne ihre Akteure aus ihrem historischen Kontext herauszulösen.
130 Jahre später: Innovation bleibt Teil unseres Auftrags
Zwischen Krempels Rettungsausschuss und einem modernen Bergrettungseinsatz liegen technisch Welten – in der Grundidee erstaunlich wenig.
Noch immer geht es darum, ein Problem zu erkennen und die bestmögliche Lösung dafür zu finden.
Heute arbeiten wir mit modernen Polyamidseilen, hochentwickelter persönlicher Schutzausrüstung und standardisierten Rettungstechniken. Digitale Karten und Geodaten unterstützen die Einsatzführung. Standortinformationen von Mobiltelefonen können Suchgebiete erheblich eingrenzen. Drohnen erlauben den Blick in Gelände, das für Suchmannschaften nur schwer oder unter erheblichem Risiko erreichbar wäre. Tragbare medizinische Monitore ermöglichen es mittlerweile, Vitalparameter auch während aufwendiger terrestrischer Bergungen kontinuierlich im Auge zu behalten.
Gleichzeitig hat die Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen eine technische Dimension erreicht, von der Heinrich Krempel kaum hätte träumen können. Moderne Rettungshubschrauber ermöglichen Suchflüge, Tau- und Windenbergungen und den raschen Transport schwer verletzter Menschen. Polizei und Alpinpolizei, Flugpolizei, Rettungsdienst, Feuerwehr, Notruf Niederösterreich und weitere Partner bilden mit der Bergrettung eine Rettungskette, in der medizinische, alpine und technische Kompetenz ineinandergreifen.
Technik ersetzt dabei nicht den Menschen. Sie erweitert seine Möglichkeiten.
Das Smartphone ist dafür ein gutes Beispiel. Falsch eingesetzt kann es trügerische Sicherheit vermitteln; richtig eingesetzt ist es eines der wichtigsten Rettungsinstrumente unserer Zeit. Digitale Navigation ersetzt keine Tourenplanung und Drohnen ersetzen keine Gebietskenntnis. Der Hubschrauber ersetzt nicht jene Mannschaft, die bei Nacht und Schlechtwetter terrestrisch zum Patienten aufsteigen muss.
Innovation in der Bergrettung bedeutet deshalb nicht, jedem technischen Trend zu folgen. Sie bedeutet, neugierig genug zu bleiben, um zu prüfen, was Menschen tatsächlich sicherer macht.
Vielleicht brauchen wir wieder etwas mehr von 1896
Dazu gehört auch der Nachwuchs. Jugendbergrettung, Ausbildung und kontinuierliche Fortbildung sind keine Nebenschauplätze unserer Organisation. Sie entscheiden darüber, ob Wissen weitergegeben und zugleich weiterentwickelt wird. Wer jungen Menschen Seiltechnik, Orientierung, Erste Hilfe und alpine Gefahren vermittelt, gibt ihnen nicht nur Fertigkeiten mit. Er vermittelt eine Haltung: beobachten, verstehen, Verantwortung übernehmen.
Damit schließt sich für mich ein Kreis.
Vielleicht besteht das eigentliche Vermächtnis der alpinen Pioniere aus Wien und Niederösterreich nämlich gar nicht in einzelnen Erfindungen. Nicht in einer Stahlsohlenbindung, einem Knoten oder einer Rettungstrage. Ihr Vermächtnis liegt in einer Geisteshaltung.
Es war die Überzeugung, dass das Bestehende nicht zwangsläufig die beste Lösung sein muss. Dass Wissen praktisch werden darf. Dass man ausprobieren, lernen, publizieren, lehren und wieder verbessern kann. Und dass Bildung nicht an der Tür eines Hörsaals endet.
Diesen Geist sollten wir nicht ausschließlich historisch bewundern. Wir sollten ihn wieder stärker kultivieren.
Dass ehrenamtliche Organisationen dafür geeignete Rahmenbedingungen benötigen, darf bei einem Jubiläum ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Die Unterstützung des Landes Niederösterreich und insbesondere von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner oder auch Landesrätin Eva Prischl trägt dazu bei, dass Ausbildung, Ausrüstung, Infrastruktur und ehrenamtliches Engagement weiterentwickelt werden können. Die Zusammenarbeit von Land, Einsatzorganisationen und tausenden Freiwilligen ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass aus technischem Fortschritt tatsächliche Sicherheit wird.
Wenn heute Rettungsnotrufe eingehen und wir auf die Rax fahren, liegen zwischen uns als Bergrettung und den Ereignissen des Jahres 1896 sechs Generationen. Unsere Seile sind andere. Unsere Fahrzeuge haben wir revolutioniert. Wir kommunizieren digital, können Menschen über Mobilfunkdaten suchen und Patienten mit Technik überwachen, die damals unvorstellbar gewesen wäre.
Aber eine Frage ist dieselbe geblieben: Wie können wir es beim nächsten Mal besser machen?
Vielleicht ist genau diese Frage der stärkste rote Faden durch 130 Jahre Bergrettung. Die Bergrettung entstand vor 130 Jahren aus einer Katastrophe. Groß geworden ist sie aber durch Menschen, die sich mit dem Vorhandenen nicht zufriedengaben und mit Aufbruch, Altruismus, Hirn und Herz alles gegeben haben. Wenn uns dieses Jubiläum also zu etwas verpflichten sollte, dann nicht zur Nostalgie, sondern zur Neugier.
Chronik – Gründungsgeschichte (Quellen: ÖBRD, Bergrettung OS Reichenau/Rax, Bergrettung OS Mürz/Zuschlag)
Unfall am Reißtalersteig/Rax:
Am 08.03.1896 wollten Josef Pfannl, Max Schottik und Fritz Waniek über den Reißtalersteig die Rax ersteigen. Es sollte aber ganz anders kommen. Am Abend dieses Sonntags wartete Dr. Heinrich Pfannl vergeblich auf die Rückkehr seines Bruders. Ein Unglück ahnend fährt er Montag früh nach Payerbach, um Nachforschungen über das Verbleiben der Bergsteiger anzustellen. Sofort macht er sich mit einigen Führern und Trägern auf den Weg zur Reißtalerhütte und setzt seine Suche am Reißtalersteig fort, bis das vorherrschend schlechte Wetter und Lawinengefahr ein weiteres Vordringen über die Imhofsrast hinaus unmöglich machten. Als er schließlich nach Wien zurückkehrt, wird es für ihn immer mehr zur Gewißheit, daß die Bergsteiger von einer Lawine erfasst worden sind.
Am 11.3. weilt Dr. Pfannl wieder in der Prein, um mit einigen Helfern erneut nach den Verschwundenen zu suchen. Der Großteil der Suchgruppe begibt sich zum Koglerbauern, um in den von den Raxmauern herabziehenden Gräben nach abgegangenen Lawinen Ausschau zu halten, während der kleinere Teil mit Dr. Pfannl und dem Mürzzuschlager Hotelier Toni Schruf den oberen Bereich der Gräben absucht.
„Mittwoch, den 11. März. Ausfahrt zum Brandl in Raxen (mit Chlupaty und Nagel). Zur Auffindung der von einer Schnee-Lawine verschütteten Touristen. Unsere Rettungs-Expedition traf am Gscheid mit den Mitgliedern des Oesterr. Ski-Verein zusammen, die unter der Führung des Herrn Bratmann zum gleichen Zwecke ausgezogen waren. Man begab sichalsdann über Brandl, Kogler gegen die Reissthalerhütte, um von dort gemeinsam mit den Raxführern aus Prein, die Lawine aufzusuchen. Der Schnee war der Ski-Expedition sehr günstig u. die Unglücksstelle wurde ohne Schwierigkeiten erreicht.“1)
Toni Schruf übernimmt es dann als ausgezeichneter Skiläufer, nach Mürzzuschlag zu eilen, um Leute zu requirieren, die mit Schaufeln und Fackeln ausgerüstet die Arbeit fördern sollen, da man sich entschließt, auch während der Nacht weiterzusuchen. Aber bereits um die Mittagszeit des 11.3. stößt man auf Josef Pfannls Leichnam. So knapp unter der Lackenhoferhuette, der Lieblingshütte Pfannls, hat eine Lawine das Leben dieses jungen Alpinisten also ausgelöscht. Auch Waniek, welcher noch immer mit seinem Kameraden Josef Pfannl durch das Seil verbunden unter den Schneemassen liegt, wird kurz darauf gefunden, während die Suche nach Schottik trotz höchster Anstrengung vergeblich bleibt und bei eintretender Dunkelheit doch abgebrochen werden muß. Am 12.3. können wiederum nur Ausrüstungsgegenstände gefunden werden, Schottiks Leichnam bleibt weiter unter den Schneemassen begraben.
Am Samstag, den 14.3., lichten sich plötzlich die Nebel um die Rax und sie sendet im dichten Schneekleide Josef Pfannl ihren letzten Gruß, als dieser in der Prein zu Grabe getragen wird. Am darauffolgenden Tag erfolgt in Kapellen die Beisetzung Fritz Wanieks im Beisein der Schwestern Schottiks, der etwa zur selben Zeit von der fortwährend arbeitenden Suchmannschaft endlich in rund 2 Meter Tiefe gefunden wird. Das Seilstück zwischen ihm und den beiden anderen Verunglückten war vermutlich während des Absturzes abgerissen. Max Schottik wird schließlich auf dem Mürzzuschlager Friedhof zur ewigen Ruhe gebettet.
