Ein kleiner Einblick in den Dienstbetrieb der Ortstelle Reichenau an der Rax

Samstag früh, ein warmer Sommertag kündigt sich an. An diesem Wochenende im August ist wieder einmal unsere Dienstgruppe an der Reihe, den Bergrettungsdienst in der Ortsstelle Reichenau zu versehen.

Gerhard und ich finden uns um neun Uhr in der Zentrale ein, ein paar aus unserer Runde sind bereits vor Ort und haben Funkpult, PC und Co. schon in Betrieb genommen. Mit acht Personen sind wir heute gut aufgestellt, nur einer befindet sich gerade auf Urlaub und lässt sich entschuldigen.

Ein laufender Dienstbetrieb an Wochenenden und Feiertagen existiert in der Bergrettung Reichenau „schon immer“, auf jeden Fall aber zumindest seit den 1970er-Jahren, wie die drei Kameraden bestätigen können, die vor mehr als 40 Jahren zur Bergrettung gestoßen sind. Strukturell wurden im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Adaptionen vorgenommen – eine Zeitlang gehörte die Rax (allerdings nur im Winter) mit vier Dienstgruppen gleichzeitig auf verschiedenen Stützpunkten wohl zu den am besten „bewachten“ Bergen Österreichs. Zu berücksichtigen ist hierbei aber auf jeden Fall der Umstand, dass Einsätze früher noch ohne Unterstützung durch Notarzt- und Polizeihubschrauber, welche in kürzester Zeit vor Ort sein können, stattfinden mussten. Derzeit sind es acht Dienstgruppen, die übers Jahr gerechnet jeweils sieben bis acht Dienste versehen. Jeder Gruppe gehört zumindest eine Person an, die entsprechend erfahren und geschult ist, um einen Einsatz zu leiten. Diese trifft auch die Entscheidung, ob der Einsatz von der Gruppe alleine durchgeführt werden kann oder eine Alarmierung der gesamten Mannschaft erforderlich ist. Wichtig ist, dass unsere Zentrale, über die die Einsätze abgewickelt werden, besetzt ist, die Gestaltung des Dienstwochenendes obliegt aber der Gruppe.

Mike, der erst kürzlich von der Ausbildungsgruppe zu uns gewechselt ist, hat Frühstück mitgebracht. Während wir noch bei Kaffee, Gebäck, Käse, Wurst, frischem Gemüse und anderen Köstlichkeiten diskutieren, wie wir den heutigen Tag anlegen möchten, überrascht uns Hias mit einer guten Idee: Er schlägt vor, ein bisschen Gebietskunde zu betreiben und den Schauplatz eines herausfordernden Einsatzes, der vor einigen Monaten in einer üblicherweise wenig frequentierten Gegend stattgefunden hat, aufzusuchen.

„Immer gern zu Diensten“ 1

Gerade, als wir aufbrechen wollen, erreicht uns ein „Hilferuf“ von einer Hütte, die dringend Kontakt mit dem Hüttenwart aufnehmen möchte, jedoch nur über Funk kommunizieren kann. Wir übernehmen gerne die Vermittlung und lassen dem Betroffenen die Nachricht telefonisch zukommen. Eine gute Zusammenarbeit und ein stetiger Austausch mit den umliegenden Hütten in unserem Dienstgebiet, die wichtige Stützpunkte für die Bergrettung darstellen, ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Einige der Hüttenwirte sind auch selbst als Bergretter in unserer Ortsstelle tätig und geraten nicht selten in die Lage, neben dem Geschäft auch noch den einen oder anderen Einsatz in unmittelbarer Nähe abwickeln zu müssen.

Während drei Personen in der Zentrale verbleiben, bringt Michi den Rest der Gruppe mit dem Einsatzfahrzeug zum Ausgangspunkt unserer heutigen „Orientierungstour“ am Gahns. Unter der Führung von Hias und unter Verwendung eines GPS-Geräts (unter anderem zur Festlegung von Wegpunkten) folgen wir dem unmarkierten Pfad, den die beiden Männer damals vermutlich genommen haben, ehe sie sich verirrt haben. Jetzt, im Sommer und bei Schönwetter, handelt es sich um einen netten und harmlosen Spaziergang, der vielleicht an manchen Stellen ein bisschen Trittsicherheit voraussetzt. Vor einigen Monaten, im vereisten Steilgelände bei Nacht, hat die Rettung der Gesuchten den Einsatzkräften allerdings einiges abverlangt.

Noch im Abstieg begriffen, erfahren wir über Funk von der Zentrale, dass sich am Haidsteig zwei Kletterer Sorgen um einen älteren Mann machen, der offensichtlich zu erschöpft ist, um den Ausstieg zu erreichen. Da er jedoch Hilfe ablehnt, wird mit den Kletterern vereinbart, noch vor Ort zu bleiben und die Situation zu beobachten. Einige Zeit später kommt Entwarnung – nach einer Verschnaufpause war der Mann dann doch in der Lage, in Begleitung der beiden Melder seinen Aufstieg fortzusetzen.

Nach einem gemeinsamen Essen in Kaiserbrunn mit (fast) der ganzen Dienstgruppe kommen wir wieder in der Zentrale zusammen. Die restlichen zwei, drei Stunden vergehen rasch mit ein paar Einträgen am PC und sonstigen organisatorischen Dingen. Am übernächsten Wochenende findet eine Veranstaltung des lokalen Sportvereins statt, die von der Bergrettung im Rahmen des Dienstbetriebs mitbetreut wird. Im Falle eines Unfalls ist die Bergrettung gleich vor Ort, gleichzeitig muss natürlich sichergestellt sein, dass auch der „normale“ Dienstbetrieb gewährleistet ist. Ein paar Telefongespräche später ist alles Notwendige geklärt.

Auch wenn zwischen 18 und 19 Uhr die Zentrale dichtgemacht wird, sieht der Dienst am Wochenende auch die Bereitschaft in der Nacht vor. Der restliche Abend verläuft aber diesmal ohne die „Abholung“ verirrter oder erschöpfter Wanderer von diversen Forststraßen oder gar aufwendigere Suchaktionen.

Der darauffolgende Tag präsentiert sich mit leichtem Nieselregen. So fällt die Entscheidung leicht, zur Abwechslung einmal in der Zentrale zu bleiben und dort mit „Hofi“, dem ältesten Mitglied unserer Runde, den Dienst zu versehen. Heute ist unsere Gruppe etwas dezimiert, aber mit fünf Personen noch ausreichend besetzt. Der Rest der Gruppe beschließt, einem der Hüttenwirte auf der Rax das Erste Hilfe Material, das beim letzten Einsatz verbraucht worden ist, vorbeizubringen. Dabei kann auch gleich das Funkgerät überprüft werden.

„Hofi“, hat wieder einmal historische Ansichtskarten vom Dienstgebiet mitgebracht, praktischerweise in digitalisierter Form. Ich nutze die Gelegenheit, einige davon in mein elektronisches Archiv aufzunehmen. Noch weitere Schätze kommen zum Vorschein, darunter eine alte Videoaufnahme von einer Bergrettungsübung im Höllental sowie eine erstaunliche Bergrettungs-Dokumentation aus den Nachkriegsjahren. So vergehen rasch ein paar unterhaltsame Stunden.

Mittlerweile sind auch die anderen wieder in die Zentrale zurückgekehrt. Nach wie vor ist alles ruhig, nur selten kommt mal ein Funkspruch herein. Eine gute Gelegenheit, in der Zentrale eine Materialkontrolle durchzuführen, etwaiges fehlendes Material zu dokumentieren und falsch Zugeordnetes wieder an den richtigen Platz zu hängen.

Die Dienstwochenenden in Reichenau werden mehrmals pro Jahr auch für interne Fortbildungen unter Anleitung eines Lehrwartes genutzt. Diese Übungseinheiten können natürlich auch von jenen in Anspruch genommen werden, die an diesem Wochenende nicht gerade Dienst haben. Diesmal steht zwar nichts dergleichen an, quasi als „Miniübung“ wird aber noch schnell die Gebirgstrage zerlegt und wieder zusammengebaut, damit die Handhabung im Ernstfall reibungslos funktioniert.

So geht ein einerseits – was Einsätze betrifft – ereignisarmer, andererseits aber dennoch durchaus abwechslungsreicher Bergrettungsdienst zu Ende, der wieder ein bisschen dazu beigetragen hat, den Zusammenhalt und die Kameradschaft untereinander zu stärken.

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