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Weiterbildungskurs Sommer

26. Sep 2022 | Allgemein

Der Herbst steht vor der Türe, die Witterung ist nass-kalt und windig. Auch der erste Schnee liegt bereits im Einsatzgebiet der Bergrettung auf Rax und Schneeberg. Perfekte Bedingungen für elf Bergretter*innen der Bergrettung NÖ/W und zwei Lehrwarte, vorletzte Woche von Donnerstag bis Sonntag im alpinen Gelände den Weiterbildungskurs „Sommer-Alpin“ zu absolvieren. Dieser Kurs baut auf der erfolgreich abgeschlossenen Grundausbildung (Sommer und Winter) für Bergretter*innen auf und vertieft das dort erlernte Wissen und Können. Im Vordergrund stehen nun die Anwendung der diversen Rettungs- und Bergetechniken im schwierigsten, absturzgefährdeten Gelände (wie z.B. alpinen Steigen/Kletterrouten oder Klettersteigen), die Routen- und Tourenplanung sowie die Durchführung diverser Übungen. Auch eine nächtliche Einsatzübung galt es zu absolvieren – dazu später.
Auch zwei Bergretter der Ortsstelle Reichenau nahmen an diesem Kurs teil, einer als Lehrwart, einer als Teilnehmer.

Donnerstag

Der erste Kurstag startete um 08:15 Uhr im Weichtalhaus im Höllental. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung der Kursinhalte durch die beiden Lehrwarte, Klaus Bauer (Bergrettung Reichenau) und Jürgen Schwarz (Bergrettung Lilienfeld), ging es für die Teilnehmer*innen bereits ins Große Höllental. Aufgeteilt in zwei Gruppen galt es durch den Akademikersteig (2+) bzw. den Katzenkopf-Zimmer-Steig (3) gesichert unter Anwendung diverser Seiltechniken aufzusteigen. Gerade in einer größeren Gruppe ist ein „sauberer Aufstieg“ und entsprechendes Seil-Handling gefordert, um den Steinschlag möglichst gering zu halten. An einem geschützten Standplatz wurde schließlich gerastet und im Anschluss seilten sich die beiden Gruppen über mehrere Seillängen zum Einstieg ab.

Zurück im Weichtalhaus galt es dann schließlich für die Teilnehmer*innen am Übungsfelsen diverse Standplätze mit der zur Verfügung stehenden Ausrüstung (von Bandschlingen, Seilen über Keile und Friends) aufzubauen und zu trainieren.

Freitag

Am Freitag standen zwei Schwerpunkte am Programm, die von beiden Gruppen absolviert werden mussten.
Aufgrund der Witterung wurde dieser Tag im Umfeld des Weichtalhauses absolviert.

Bei Schwerpunkt 1) mussten die Bergretter*innen einen Klettersteig (C) begehen und sich mit möglichen Einsatzszenarien auseinandersetzen. Beispielsweise galt es am kurzen Seil einer Person am Klettersteig nachgesichert bzw. mittels Flaschenzugs über eine überhängend Kletterstelle zu helfen. Anschließend konnten die Teilnehmer*innen eigenständig eine Kaperbergung vorbereiten und durchführen. Bei dieser Rettungstechnik wird ein*e Bergretter*in zu einer Person abgeseilt, in das Bergeseil eingehängt und anschließend am Rücken der/des Bergretter*in gesichert zu Tal gebracht.

Der zweite Schwerpunkt beschäftigte sich mit der Alpintrage und dem Handling im Steilgelände. Dazu mussten diverse Seilgeländer-Techniken angewendet, Flaschenzüge aufgebaut und Bergretter*innen mit der Trage verbunden werden. Gerade im Absturzgelände bei Querfahrten ist diese Technik für ein gesichertes Fortbewegen erforderlich.

Als Abschluss des Tages durchstiegen die elf Teilnehmer*innen schließlich noch die Weichtalklamm, um sich mit dem Gelände für die Einsatzübung in der Nacht von Samstag auf Sonntag besser vertraut zu machen.

Samstag

Die Wetterprognose kündigte im Laufe des Tages Sturm und Niederschlag an. Daher startete die Gruppe – auf Basis einer umfassenden Tourenplanung – um 8 Uhr mit dem Aufstieg am Preintalersteig. Das Gelände am Preintaler ist ein perfektes Übungsgelände, um die Grenzen diverser Rettungstechniken auszuloten und alternative Techniken kennen zu lernen. Wie bereits am ersten Tag wurde ein Seilgeländer an kritischen Stellen bzw. am Standplatz aufgebaut. Aufgrund der erwähnten Gegebenheiten (Steinschlag, Absturzgelände, wenig Platz, …) hatten die Teilnehmer*innen eine fingierte Bergung einer verletzten Person und das Abseilen ohne Alpintrage bzw. mit Petzl-Dreieck durchzuführen. Für Bergretter*innen eine wichtige Erfahrung, die ihnen am weiteren Weg (z.B. als Gruppenleiter) bei der Einschätzung von Gefahren im Gelände und den damit verbundenen Rettungsmöglichkeiten helfen wird.

Im Anschluss ging es wieder retour ins Weichtalhaus, wo nach einer kleinen Stärkung noch einmal Seiltechnik am Übungsfelsen am „Stundenplan“ stand, bevor es am Abend die nächtliche Einsatzübung zu absolvieren galt.

Um kurz vor 19 Uhr startete die Nachtübung. Mittlerweile hatte auch strömender Regen eingesetzt und ein Sturm tobte. Perfekte, realitätsnahe Bedingungen für die Übung. Das Szenario – ausgedacht von einem erfahrenden Bergretter der Ortsstelle Reichenau – war, dass ein Vater mit seinem Sohn in die Weichtalklamm eingestiegen war. Der Vater zog sich dabei eine Verletzung zu und konnte nicht wieder absteigen.

Die Bergemannschaft teilte sich in zwei Gruppen auf, eine Vorausmannschaft bestehend aus drei Bergretter*innen stieg mit Verbandsmaterial und leichtem Gepäck zu den Personen auf. Währenddessen bereitete die zweite Mannschaft die Alpintrage und die entsprechend Ausrüstung für ein terrestrische Bergung vor und stieg ebenfalls durch die Klamm auf.

Die Vorausmannschaft erreichte nach ca. 50 Minuten die zwei Personen, der Erwachsene klemmte in einer der Leitern in der Klamm und hatte sich den Knöchel dabei gebrochen. Der Sohn befand sich am Ausstieg der Leiter und lief Gefahr, mehrere Meter abzustürzen. Die Vorausmannschaft legte dem Vater einen provisorischen Gurt an und sicherte ihn an der Leiter, der Sohne wurde von einer Bergretterin ebenfalls gesichert. 10 Minuten später traf auch die zweite Mannschaft an der Unfallstelle ein. Während zwei Bergretter die Alpintrage vorbereiteten, bauten die restlichen Bergretter*innen einen Flaschenzug auf, um die verletzte Person aus der Leiter befreien und in die Vakuum-Matratze samt Bergesack und in die Alpintrage einbringen zu können.  Nachdem der Verunglückte mit Helm, Brille und Gurt in der Trage gesichert war, wurde der Sohn über die Leiter am Seil gesichert heruntergebracht.

Anschließend begann der 2 km lange, extrem schwierige Abstieg durch die Klamm über Felsen, Baumstämme, Leitern und durchs Steilgelände. Zahlreiche Zwischenstände mussten aufgebaut werden, um die verletzte Person möglichst schonend und dennoch rasch und gesichert aus der Weichtalklamm zu bringen. Dabei konnten einige der in den bisherigen Tagen bereits geübten Techniken angewendet werden. Um kurz nach 23:30 Uhr, völlig durchnässt und dennoch top motiviert, trafen die Bergemannschaften mit den beiden Personen im Weichtalhaus ein.

Die Wirtsleute des Weichtalhauses hatten dankenswerter Weise eine Jause und Getränke für alle bereitgestellt. Da der Regen nun ebenfalls nachgelassen bzw. zeitweise gänzlich aufgehört hatte, konnten die Teilnehmer*innen, die Lehrwarte und die beiden Darsteller der Übung am Lagerfeuer sitzend die Nachtübung, den Ablauf, die Learnings reflektieren und den langen Tag gemütlich ausklingen lassen. Dieser Tag hat gezeigt, was die Bergrettung auszeichnet.

Sonntag

Am letzten Tag des Kurses wurde noch einmal am Übungsfelsen des Weichtalhause trainiert. Die Annahme war, dass ein Kletterer nicht mehr weiterkonnte und über mehrere Seillänge abgeseilt werden musste. Dabei konnten die Bergretter*innen die Übernahme des Kletterers, die Sicherung als auch das gemeinsame Abseilen noch einmal unter erschwerten Bedingungen üben.

Abgeschlossen wurde der Fortbildungskurs Sommer-Alpin schließlich mit einer gemeinsamen Feedbackrunde bei Kaffee und diversen Mehlspeisen. Wir gratulieren allen Teilnehmer*innen zur positiven Absolvierung des Kurses und ganz besonders auch dem Teilnehmer aus Reichenau, weil gerade das vielfältige Einsatzgebiet unserer Ortsstelle im Rax-Schneeberg-Gebiet top ausgebildete Bergretter*innen erfordert.

Artikel: © Thomas Ritter, Bergrettung Reichenau

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