OK. Zugegeben, für mich war es der erste Einsatz in diesen zehn Tagen. Den Rest mussten die Kamerad*innen der Ortsstelle Reichenau ohne mich bewerkstelligen. Umso mehr freute es mich, dass ich auch selbst wieder einmal mithelfen konnte, um eine Person aus einer alpinen Notlage zu befreien. Aber dazu springen wir ein wenig zurück und nehmen dich mit auf diesen nächtlichen (Such-)Einsatz.

Montagabend, nach einiger Zeit wieder einmal in der Heimat war ich mit einem Freund zum Essen verabredet. Ein schöner lauer Sommerabend bei gutem Essen und netten Gesprächen im Gastgarten. Bei der Heimfahrt gegen 22:00 Uhr, ca. auf der Höhe Wr. Neustadt, läutet dann – zum dritten Mal an diesem Montag – die Alarmierungsapp. Diesmal „Alpineinsatz Vermisste/Abgängige Person – bei Treffpunkt nicht erschienen“.

Kurz nachdenken, ob das gesamte Bergmaterial – wie es bei vielen Bergretter*innen üblich ist – im Auto liegt und direkt Richtung Reichenau. „25 Minuten“ als kurze Chatnachricht an die Einsatzleitung, damit diese die personellen Ressourcen gleich zu planen beginnen kann.

Solche Sucheinsätze sind im Vorfeld immer sehr schwierig einzuschätzen, da von „Sitzt im Gasthaus beim vierten Bier“ bis zu tödlichen Abstürzen erfahrungsgemäß leider alles vorkommen kann. Solange die Person aber nicht gefunden ist, heißt es für uns als Bergretter*innen die Nadel im Heuhaufen zu suchen. Knapp 25 Minuten später schlage ich also noch im Ausgehoutfit in der Einsatzzentrale auf und melde mich bei der Einsatzleitung. Raus aus dem Polo und der Leinenhose und hinein in das Bergrettungsoutfit. Eigentlich trage ich ohnehin lieber Bergbekleidung.

Die Informationen zur Ausgangslage sind im heutigen Fall sehr dürftig. Eine junge Frau, welche laut Melder alleine unterwegs war, wollte mit den beiden Männern, welche sie beim Aufstieg auf die Rax traf, zurück nach Wien fahren. Ist aber beim vereinbarten Treffpunkt nicht aufgetaucht. Hier möchte ich den beiden jungen Männern ein großes Lob aussprechen! Wie viele von uns hätten in der heutigen Zeit so reagiert? Oder wäre der Gedanke eher gewesen: „Sie wird schon irgendwie anders heimkommen.“?

Wir hatten also bis auf den Vornamen, eine mäßig genaue Personenbeschreibung und den Standort des letzten Sichtkontakts der drei keine Anhaltspunkte für die Suche. Wie üblich beginnt die Einsatzleitung die Hütten abzurufen um Informationen über die Nächtigungsgäste zu erhalten. „Schläft bei euch eine junge Frau, welche alleine unterwegs ist?“. Am Ottohaus ein vermeintlicher Treffer. Junge Frau, alleine unterwegs, könnte also passen. Mit dieser Info waren wir bereits ein wenig erleichtert, da es nach einem kurzen Einsatz aussieht… kam leider doch anders. Einige Minuten und zwei, drei Weckversuche des Hüttenbediensteten später, hatten wir die Dame am Telefon. Vorname und Beschreibung weichen so weit von der Gesuchten ab, dass gleich klar war „Für uns doch kein Bett in Sicht“.

Durch die Einsatzleitung gibt es Informationen zum Sachverhalt (Aussehen, letzter Sichtkontakt, Name, …) an alle anwesenden Bergretter*innen, die Gruppen bzw. Suchbereiche werden eingeteilt, Zusatzmaterial wie Seile eingepackt und Abfahrt für die erste Mannschaft Bergretter*innen. Zu fünft geht es für uns über den Preinerwandsteig hinauf zum Preinerwandkreuz. Es gilt jede Rinne so gut wie möglich auszuleuchten und Ausschau nach Hinweisen auf den Verbleib der jungen Dame zu finden. Während wir aufsteigen und dabei immer wieder rufen, gesellt sich auch der FLIR-Hubschrauber der Flugpolizei hinzu. Seine Aufgabe ist es mittels Wärmebildkamera und Suchscheinwerfer möglichst das gesamte Gebiet abzufliegen und nach menschlichen Wärmequellen Ausschau zu halten. Spoiler: Bis auf die Bergretter*innen und zahlreiche tierische Waldbewohner wird er heute leider nichts entdecken. Zu uneinsichtig ist die Stelle an dem sich die Gesuchte befindet.

Währenddessen machen sich weitere Teams auf den Weg um systematisch Wege im primären Suchgebiet abzusuchen. Auch das Drohnenteam des Notruf Niederösterreichs ist bereits alarmiert und in Anfahrt, um uns bei der Suche zu unterstützen. Wir steigen also auf, grübeln über die Möglichkeiten des Verbleibs, schauen links, schauen rechts, schauen rauf, schauen runter und rufen nach der Dame. Auch der FLIR-Hubschrauber muss nach einiger Zeit erfolglos abziehen.

Kurz vor dem Ausstieg des Preinerwandsteigs ertönt es von einem der Suchteams am Funk „Rufkontakt im Bereich Bachleiten“… da sind wir wohl ein paar Höhenmeter zu weit oben mit unserer Mannschaft. Rufkontakt heißt allerdings nicht, dass der Einsatz gelaufen ist. Man weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts über den Zustand der gesuchten Person. Verletzt? Unverletzt? Erschöpft?

Daher wird von einer weiteren Mannschaft eine Trage ins Suchgebiet transportiert und wir nehmen die Füße in die Hand, um schnellstmöglich über den Holzknechtsteig nach unten zu gelangen. Wer den Holzknechtsteig kennt weiß, dass man da in kurzer Zeit einige Höhenmeter vernichten kann. Es dauert also nicht allzu lange bis wir auf die Bergretter*innen und die Gesuchte treffen. Gott sei Dank unverletzt und in einer sehr guten physischen und psychischen Verfassung. Gemeinsam steigen wir den Rest bis zur Forststraße ab und begeben uns mit dem Einsatzfahrzeug zurück in die Zentrale. Bei der Ausgangslage und den vielen fehlenden Informationen auch für uns eine Überraschung, dass wir so schnell fündig geworden sind und es so gut ausgegangen ist.

Da die Gesuchte öffentlich angereist ist, in Wien wohnt und es halb vier in der Früh ist, wird ihr noch Quartier in unserer Einsatzzentrale angeboten, welches sie mit großer Freude annimmt. Nach einem „Vielen Dank für eure Hilfe“ geht es für sie ins Bett. Die Mannschaft versorgt das gesamte Material und kann die Leistung mit einem kühlen Erfrischungsgetränk belohnen.

Ist es um 03:30 Uhr eigentlich Frühstück oder Abendessen? Vermutlich abhängig davon, ob es wie bei vielen direkt in die Arbeit geht oder man noch ein, zwei Stunden schlafen darf.

Fotos: © ÖBRD
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