Alpin Notruf: 140

Die Bergrettung hilft im Gebirge weiter wo für andere Schluss ist. Doch was, wenn die Retter dadurch selbst in eine Notsituation kommen? Für Landeseinsatzleiter Martin Gurdet steht der Schutz der Mannschaft über halsbrecherischen Rettungsaktionen.

Sechs verletzte Bergretter aus der Steiermark und Niederösterreich durch Blitzschlag an einem Klettersteig – das ist die Bilanz eines Einsatzes im Juli am Hochkar. Die verletzte Person wurde bereits vom Hubschrauber aus der Wand geflogen, die Mannschaft befand sich nach der Rettungsaktion im Abstieg als der Blitz einfuhr. Zum Glück kamen alle mit leichten Blessuren davon.

Schauplatzwechsel. Es war im Jänner als es in Hohenberg nicht mehr zu schneien aufhörte. Bei Lawinenwarnstufe vier kam die Meldung über zwei vermisste Schitourengeher. Eine Suchmannschaft formierte sich, die Retterinnen und Retter wollten ihr Bestes geben. Nach einer Risikobewertung durch den Einsatzleiter gab es dann genaue Vorgaben wo gesucht werden könne und welche Bereiche als „No Go Areas“ eingestuft waren. Dass dabei die Wahrscheinlichkeit, die Vermissten noch lebend zu finden sank, nahm er in Kauf, doch zugleich sank dabei auch das Risiko für die Bergretter, selbst von einer Lawine erfasst zu werden.

Risikobeurteilung vor jedem Einsatz
Zurück in den Sommer. Martin Gurdet, Landeseinsatzleiter der Bergrettung Niederösterreich / Wien und selbst Bergretter in der Ortsstelle Grünbach, schildert das Problem so: „Natürlich wollen wir unser Bestes geben und den Menschen helfen, wenn sie in einer Notsituation sind. Sich halsbrecherisch in den Einsatz zu stürzen bringt aber niemandem etwas.“ Ein Einsatzleiter müsse vor jeder Aktion das Risiko für seine Mannschaft abwägen und entscheiden ob es verantwortlich ist, sich einer Gefahr auszusetzen. Jeder Bergretter und jede Bergretterin trägt dabei auch eine Eigenverantwortung und schätzt das Risiko für sich selbst ein. „Im Einsatzfall sind wir natürlich bereit an die Grenzen des Zumutbaren zu gehen um Menschen aus misslichen Lagen zu befreien“, so Gurdet.

Er erzählt von einer Begebenheit an der Hohen Wand. Er selbst hatte an einem Sommertag Dienst und bemerkte ein herannahendes Gewitter über Rax und Schneeberg. Kurze Zeit später zuckten auch über seinem Dienstgebiet die Blitze vom Himmel und Hagelgeschosse zerplatzten an den Felsen. Als das Unwetter vorüber war kam der Notruf von vier Klettersteiggehern, die das Gewitter im Gebirgsvereinssteig überstanden und nun Hilfe benötigten, da sie auf den nassen Felsen nicht mehr weitergehen konnten. „Die Leute warteten im unteren Abschnitt des Steiges auf unsere Hilfe. Warum sie trotz des herannahenden Gewitters in den Klettersteig einstiegen entzieht sich unserer Kenntnis“, erzählt der erfahrene Bergretter und fährt fort: „Auch hier war eine Risikoanalyse durchzuführen, die bei weiteren Blitzeinschlägen eine Unterbrechung der Rettung bedeutet hätte. Zum Glück für die vier Bergsteiger hat schon wieder die Sonne geschienen und die Gewitterzelle war in sicherem Abstand, als wir zum Einstieg kamen.“

„Können auch mal nicht kommen“
Gurdet appelliert an die Eigenverantwortung der Bergsteiger sich erst gar nicht in Situationen zu begeben, die möglicherweise eine Rettungsaktion nach sich ziehen könnten. Oft kämen Bergsteiger unverschuldet in Schwierigkeiten, aber oft hätten in Not geratene ihre Situation im Vorfeld vermeiden können, wenn sie sich den Umständen und ihren Fähigkeiten entsprechend verhalten hätten. Die Bergrettung kann durch Mannschaftsstärke und Fähigkeiten schwierige Situationen meistern um in Not geratenen Menschen am Berg zu helfen. Doch wenn die äußeren Umstände eine Rettungsaktion einfach nicht zulassen könne er es als Einsatzleiter nicht verantworten, seine Leute einer zu großen Gefahr auszusetzen. „Wir können auch mal nicht kommen. Das muss allen auch klar sein. Wir müssen auch an unsere eigene Sicherheit denken“, stellt Gurdet unmissverständlich klar.

 Gewitter im Gebirge

Ein Gewitter in den Bergen zählt zu einer der gefährlichsten Situationen. Daher trägt sorgfältige Tourenplanung, das Einholen des Wetterberichtes und das Beobachten des Wetters auch während der Tour, eine auf das Wetter abgestimmte Tourenplanung, die daraus resultierende Bekleidung und Ausrüstung, wesentlich zur vorbeugenden Unfallverhüttung und zu einem schönen erholsamen Bergerlebnis bei.

Sollte man trotz gewissenhafter Vorbereitung von einem Unwetter überrascht werden kann man einige Maßnahmen treffen. Der alte Volksglaube bei einem Gewitter: „Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen“ ist ein gefährlicher Unsinn! Kein Baum schützt vor Blitzschlag, im Gegenteil – sehr oft schlägt der Blitz in Bäume ein!

Maßnahmen bei Gewitter im Gebirge

  • Wettervorhersagen im Voraus einholen, aber auch während der Tour.
  • Die Wetterentwicklung beobachten.
  • Aus Haufen-, bzw. Quellwolken entwickeln sich Wärmegewitter, die am frühen Nachmittag sowie am Abend möglich sind. Besteht diese Gefahr, ist eine Tour so zu planen dass sie möglichst früh abgeschlossen ist oder man einen schützenden Bereich erreicht hat (Hütte, offene Unterstände sind NICHT sicher!).
  • Häufig entwickelt sich beim Durchzug einer Kaltfront vor dieser ein Frontgewitter, es bringt einen Wettersturz mit sich. In diesem Fall sind kurze Touren zu planen die man jederzeit abbrechen kann.
  • Beobachtet man ein sogenanntes Wetterleuchten (Blitze am Horizont, kein Donner zu hören) ist die Gewitterzelle noch ca. 18 Kilometer entfernt. Selbst in diesem Fall ist die Tour vorzeitig abzubrechen oder ein geschützter Bereich aufzusuchen, da bis zu einer Entfernung von fünf Kilometern Entfernung vom Gewitter-Zentrum Blitze einschlagen können.
  • Rechtzeitig exponierte Stellen, Gipfelkreuze, Grate, hohe einzeln stehende Bäume meiden, große weite Flächen, wasserführende Bereiche, morastige Flächen, verlassen.
  • Ausrüstungsgegenstände aus Metall weit entfernt deponieren.
  • Wenn möglich auf einer isolierenden Ausrüstung (Rucksack, Kletterseil) mit geschlossenen Füssen (keine Schrittstellung!) kauern, möglichst klein machen. Nicht Stehen, Gehen, Laufen sowie auf dem Boden liegen.
  • An versicherten Klettersteigen mit Selbstsicherung an Steigbügeln gesichert bleiben, Drahtseile meiden!
  • Auch flache nasse Höhlen und Überhänge, bieten keinen Schutz! Die Höhle soll mindestens drei Meter tief sein wobei man sich nicht an die Höhlenwand setzen soll (eine Körperlänge Abstand!)
  • Keine Gruppen bilden!

Blitzschlag und die Folgen

Wird man direkt von einem Blitz getroffen hat man nur geringe Überlebenschancen. Das Verletzungsbild gleicht einem Stromunfall. Die möglichen Folgen sind

  • Herzstillstand
  • Kammerflimmern
  • Bewusstlosigkeit
  • Atemstillstand
  • Verbrennungen
  • Lähmungen
  • Knochenbrüche und andere Verletzungen
  • Seh- und Gehörstörungen
  • Veränderungen der Persönlichkeit

Erste-Hilfe-Maßnahmen

Wie bei jedem Unfall ist auch bei einem Blitzunfall rasche Erste Hilfe wichtig. Da bei einem Blitzschlag in erster Linie der Kreislauf beeinträchtig wird, ist die Atmung und die Bewusstseinskontrolle die erste Maßnahme. Der Notruf 140 (Bergrettung) ist sofort abzusetzen da ärztliche Behandlung auf jeden Fall nötig ist (Herzrhythmusstörungen?). Bei Herzstillstand ist mit der Herzmassage sofort zu beginnen, nach 30 Herzdruckmassagen sind 2 Atemspenden abzugeben. Verbrennungen und Verletzungen werden steril abgedeckt. Der Patient ist vor Unterkühlung zu schützen.

Fotos: Symbolbilder © ÖBRD, Bruno Glätsch (Pixabay)