Von Oliver Himmel oliver.himmel@bergrettung-nw.at

Es ist Montag 6. Jänner 2020. Ein eiskalter aber klarer Wintertag. Während die meisten noch zuhause im warmen Bett liegen, treffen 17 Bergretterinnen und Bergretter in den Ortsstellen Hohenberg und St. Aegyd ein und bereiten im Anblick der langsam aufgehenden Sonne die große Winterübung am Göller vor.

Nach dem ersten Kaffee geht‘s gleich mit der Materialpreparation los: Winterausüstung, LVS-Geräte, Sonden, Lawinenschaufeln, Akja, Holme, Bergesäcke, Vakuummatratzen und jede Menge Seil, Karabiner und Schnüre werden sorgsam aber im flotten Akkord vorbereitet und in und auf die Rucksäcke gepackt. Den Akja montiert man – zerlegt in zwei Teile – am besten so nah und fest wie möglich auf den Rucksack. Das gibt Stabilität und ermöglicht es den besten Schwerpunkt zu finden. Das ist wichtig, weil der Aufstieg womöglich steil, lange und hart wird – im Einsatzfall ist so etwas meist nicht vermeidbar.

Ziel wird es sein, nach einer fiktiven Alarmierung den Verunfallten mittels Akja Transport und Seilsicherung von Gipfelnähe ins Tal zu transportieren. Doch zuerst erfolgt die wichtige und intensive technische Schulung zu den Themen Lawinenkunde und Einsatzplanung.

Lawinenkunde

Lawinen können sich in wirklich vielfältiger Weise und unter unterschiedlichsten Bedingungen ergeben. Am wichtigsten ist das Studieren des Lawinenwarndienstes. Die Bergrettung empfiehlt dies vor jeder Skitour und winterlichen bis frühlingshaften Bergtour zu tun. „Oft blühen unten am Wanderweg schon die ersten Blumen, da lauert ein paar hundert Meter weiter oben noch eine Nassschneelawine“, warnt Landesleiter Matthias Cernusca. Darüber hinaus ist es wichtig, sich die Topographie der Tour näher anzusehen.

Man spricht von drei Faktoren, die Lawinen besonders begünstigen: Viel kalter Neuschnee, eine Hangneigung von 35 Grad und entsprechende Windeinwirkung. Das sorgt in erster Linie dafür, dass sich die Neuschneemassen nicht mit den darunterliegenden Schneeschichten verbinden und schon bei kleinsten Erschütterungen, wie etwa durch Carven, voneinander lösen. Gerade im Frühjahr sind Nassschneelawinen verheerend – wie dieses Video zeigt -, denn sie sind besonders schwer und schnell.

Es geht los

Aber wieder zurück zu unserer Einsatzübung. Bepackt mit dem Bergematerial, steigen wir über den Lahnsattel einsatzmäßig zum Göller auf und widmen uns noch einmal der LVS-Suche. LVS steht für Lawinen-Verschütteten-Suche. Von Skitouren oder dem Bergsteigen im Winter ohne LVS Gerät rät die Bergrettung entschieden ab. Nach dem großen und kleinen LVS Check, erläutern wir das Prozedere beim Absuchen des Lawinenkegels sowie das Ausschauffeln von Verschütteten. Der Aufstieg ist bei den verhältnismäßig hohen Temperaturen ein wenig schweißtreibend aber die Moral und Freude sind bei solch einem Kaiserwetter ungebrochen. Das ist gerade im Einsatzfall bei Nebel oder starkem Schneefall natürlich etwas anders.

Training versus Ernstfall

Schließlich erreichen wir den Verunfallten. Nach einem flotten medizinischen Check von Atemwegen und Atmung, des Kreislaufs und der neurologischen Funktionen sowie etwaiger Frakturen, wird festgestellt: Der Verunfallte kann aufgrund einer starken Oberschenkelfraktur keineswegs selbst die Abfahrt bestreiten. Er wird sorgsam in den Akja gelegt und mit Vakuummatratze sowie zahlreichen Wärmedecken stabilisiert und zugedeckt, der Abtransport beginnt. In Summe 700 Höhenmeter wird er mithilfe der Bergretter/innen, des Bergegerätes und der Seilsicherungen über den Lahnsattel bis ins Tal abtransportiert. Die Übung ist geglückt. Das Bergrettungsteam übergibt nun theoretisch an den RTW (Rettungswagen) und finalisiert das Einsatzprotokoll. Zufrieden, wenn auch müde beenden wir das anstrengende aber schöne Training und erfreuen uns unseres Abschlussgetränks.

Wichtig sind solche Übungen für die technische und konditionelle Funktionstüchtigkeit der Einsatzteams der Bergrettung. Die Bergretter/innen tun dies gänzlich ehrenamtlich und in ihrer Freizeit. In diesem Fall hätte der Verunfallte bei lebensgefährdenden Verletzungen mit dem Einsatzhelikopter geborgen werden können. Oft aber lassen dies Wetter und Topographie nicht zu. Und dann können wir von Glück reden, wenn uns die Bergretter/innen zu Fuß retten.

 

Fotos: © ÖBRD