Auf den beliebten Ausflugsbergen nahe Wien und den östlichen Nachbarländern gab es im ersten Halbjahr um ein Drittel mehr Einsätze der Bergrettung. Alpine Vereine appellieren an die Vernunft.

Es ist genau das eingetreten, was Alpinpolizei und Bergrettung aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres prognostiziert haben. Coronabedingt steht der Heimaturlaub und vor allem das Bergerlebnis hoch imKurs. Der massive Ansturm auch von eher unerfahrenen Wanderern und Kletterern hat auch einen deutlichen Anstieg derUnfallzahlen zur Folge.

Das erste Halbjahr zeigt alleine im Einsatzgebiet der Bergrettung Niederösterreich/Wien ein Plus von zwölf Prozent. 493 Einsätze (437 bei Tag, 56 bei Nacht) sind um 58 mehr als noch im Vergleichszeitraum 2020. Drei Unfälle endeten tödlich, außerdem wurden 413 Personen verletzt und 103 unverletzt geborgen.

Besonders stark betroffen sind die Ausflugsberge und Kletter-Destinationen wie Hohe Wand, Rax und Schneeberg im südlichen Niederösterreich, die im Bereich der Ballungszentren von Wien, Bratislava und dem nahen Ungarn liegen. In diesen drei Regionen gab es von Jänner bis Juni sogar um ein Drittel mehr Bergrettungseinsätze als 2020. 72 Einsätze (2020: 49) stehen in der Statistik, die Zahl der Verletzten hat sich in dem Gebiet von 22 auf 41 fast verdoppelt.
Während im ersten Halbjahr des Vorjahres 69 Personen geborgen werden mussten, waren es heuer bereits 94. „Wir sind mehr gefordert denn je. Die Einsatzzahlen sind auf einem sehr hohen Niveau und die Urlaubszeit hat ja gerade erst begonnen“, sagt der Landesgeschäftsführer der Bergrettung NÖ/Wien, Lukas Turk. Dazu kommt, dass die Bergrettung ehrenamtlich agiert und auch die Freiwilligen einmal Urlaub benötigen. Um die entsprechende Einsatzstärke in den Ferienmonaten dennoch aufrecht erhalten zu können, ist laut Turk ein besonderes Engagement der Helfer nötig.

Stark belastete Ortsstellen wie Reichenau an der Rax stellen an den Wochenenden tagsüber eine diensthabende Mannschaft von fünf bis zehn Personen. „Teilweise sind die Leute am Berg unterwegs und nutzen die Zeit für Gebietskunde, Fortbildungen oder Training“, so Turk. Wie wichtig das ist, hat sich erst am vergangenen Wochenende gezeigt. Am Samstag wollte ein 33-jähriger Wiener zusammen mit seiner Lebensgefährtin über die „Wildfährte“ auf die Rax. Beim Einstieg in den Bärenlochsteig rutschte der Mann aus, stürzte zehn Meter ab und zog sich schwere Kopfverletzungen zu. Das Opfer wurde von einem zufällig vor Ort befindlichen Bergretter aus Reichenau erstversorgt und mit dem ÖAMTC-Rettungshubschrauber mittels Tau geborgen. Sonntagvormittag dann bereits das nächste Unglück. Ein 36-jähriger Pole stürzte in der anspruchsvollen Kletterroute „Nix für Suderer“ in der Klobenwand einige Meter tief ins Seil, nachdem ein Felsstück bei seinem Griff ausgebrochen war. Auch dieser Verunglückte musste von Bergrettung und Hubschrauber gerettet werden.

In Westösterreich rechnet man witterungsbedingt erst ab Mitte Juli mit einer Verschärfung der Situation. Derzeit gibt es in Lagen über 2.000 Meter Seehöhe noch viel Altschnee. Die Sommerferien werden aber sicherlich auch auf den Bergen Salzburgs, Tirols oder Kärntens eine Herausforderung für die Retter. Einmal mehr kommt von Organisationen wie dem Österreichischen Alpenverein der dringende Appell, sein Können richtig einzuschätzen
und die entsprechende Tourenvorbereitung nicht zu vernachlässigen.

Stefan Hochstaffl, Präsident der Österreichischen Bergrettung, warnte bereits im KURIER vor übertriebenem Ehrgeiz. Er erkennt den deutlichen Trend, dass derzeit die Berge von der „Leistungsgesellschaft“ erobert werden. „Sie setzten sich Ziele, die sie um jeden Preis erreichen wollen. Egal, ob ein Wetterumsturz kommt oder ob die Tagesverfassung mitspielt.“

© Kurier, Patrick Wammerl