Winter, Sonntag, 8 Uhr, am Semmering. Während sich vermutlich der überwiegende Teil der Bevölkerung noch einmal im warmen Bett umdreht, öffne ich die vereiste Türe zu meiner Bergrettungsdienststelle am Semmering. Bis 16 Uhr werde ich heute im Dienst sein, unerwartete Überstunden sind aber immer möglich – Stichwort ,,Sturz bei letzter Abfahrt“.

Mein Partner für diesen Tag ist auch schon da, dann kann´s ja los gehen! Das sonore brummen des Kaffeeautomaten wird abrupt vom schrillen Läuten des Notruftelefons unterbrochen. Jetzt schon ein Einsatz? Nach kurzer Anspannung die Erleichterung: der Betriebsleiter der Bergbahnen erkundigt sich bloß nach Befinden und Mannschaftsstärke.

Kurz danach wird es jedoch ernst: Nach Überprüfung der Ausrüstung – Akja, San-Rucksack etc. – folgt der erste Notfall. Ein kleines Mädchen soll sich auf der Familienabfahrt verletzt haben, und braucht Hilfe. Schnell sind die Skier angeschnallt, und in zügiger Fahrt geht’s zum angegebenen Einsatzort. Dort angekommen finde ich mich alleine wieder. Niemand da. Zumindest kein verletztes Mädchen. Die Sachlage klärt sich aber flott auf, die Kleine konnte doch selber ins Tal abfahren. Sie dürfte sich nach anfänglichem Schreck und Schmerz wieder schnell erholt haben. Sehr gut! Ist mir nur recht, dann wieder ab in die Zentrale.

In solch erfreulichen Fällen sind wir trotzdem dankbar, wenn der Bergrettungsnotruf 140 oder die Liftbediensteten über die Verbesserung des Patientenzustandes informiert werden – so können Ressourcen geschont werden, da sich in manchen Fällen zusätzlich zur Bergrettung auch parallel der Notarzthubschrauber auf den Weg zum Notfallort macht.

Der erste Beinahe-Einsatz ist abgewickelt, es geht nach einigen Fahrten im Dienstgebiet wieder zurück in die Zentrale, wo nach der Materialwartung usw. der Magen knurrt. Die Mikrowelle ist unser Freund und Helfer, wenn es schnell gehen muss, um rasch wieder auf der Piste zu stehen und Menschen in Not zu helfen. Es klingelt allerdings schon bevor das Essen fertig ist.

,,Verletzter Rodler auf Weltcuppiste“ lautet der Alarmtext. Entweder falsches Sportgerät oder falsche Ortsangabe sind unsere ersten Gedanken, aber das Rätsel wird sich auflösen. Immer wieder passiert es, dass aufgrund von mangelnder Ortskenntnis die Weltcuppiste auch fürs Rodeln verwendet wird. Die Bergrettung rät dazu, sich vor der Abfahrt über die für das Sportgerät geeignete(n) Route(n) ausreichend zu informieren. Tatsächlich hat es ein übermotivierter Schlittentreiber auf die Skipiste geschafft, und ist mit hoher Geschwindigkeit in die neue Fassade des Wintersportvereinshaus gedonnert. Wenige Minuten nach der Alarmierung befinden wir uns am Unfallort – jetzt heißt es einmal herauszufinden, was dem Verunfallten fehlt. Es wird nach dem geschulten, und schon in Fleisch und Blut übergegangenem ABC-Schema vorgegangen. Atmung, Kreislauf, Bewusstseinszustand wird überprüft und fortlaufend beobachtet. Dann wird er von Kopf bis Fuß auf Verletzungen abgesucht, und da finden wir gleich einiges…. Die Schwere der Verletzungen gebietet zur Eile, also müssen wir den Notarzthubschrauber anfordern. Dieser landet schon wenig später unweit des Unfallortes, und der Patient wird ins Krankenhaus nach Wr. Neustadt geflogen. Nach Erledigung der notwendigen Datenaufnahme, genauer Unfallaufnahme mit der Alpinpolizei und Versorgung der Einsatzgeräte, geht es zurück in die Zentrale.

Verschwitzt und ein wenig abgekämpft kommen wir dort an. Der Transport des Verletzten zum Helikopter war doch ganz schön schweißtreibend. Aber die Stimmung ist gut, es hat ja alles bestens geklappt. Und heute war ja ,,nur“ ein Einsatz, da habe ich schon Dienste mit fünf oder sechs Akja-Bergungen erlebt. Solche Tage sind dann wirklich anstrengend, aber gottlob eher selten.

Die Mikrowelle möchte wieder bemüht werden. Beim Bedienen dieser fällt der Blick unweigerlich auf die roten Ziffern der digitalen Uhr. Was! Schon 16 Uhr 15? Unglaublich wie schnell die Zeit vergehen kann! Das Essensgeschirr wird in Originalzustand wieder eingepackt, und ab nach Hause. Daheim schmeckt´s sicherlich auch noch gut. Zwischen 16 und 18 Uhr ist nämlich Betriebspause, also Feierabend für den Tagdienst.

Funk aus, Handy aus, Licht aus. Ab 18 Uhr übernehmen die Kameraden der Nachtschicht. Over and out.

PS: Wie man sieht – am Berg passieren kann immer etwas. Daher empfehlen wir, Förderer der Bergrettung zu werden und von der Bergungskostenvorsorge für Such- und Rettungskosten in unwegsamem / alpinem Gelände von unserer Partnerin der Generali Österreich zu profitieren -> https://bergrettung-nw.at/jetzt-unterstuetzen/foerdermitgliedschaft

Fotos: © ÖBRD
Cookie Consent mit Real Cookie Banner