Bilanz der Bergrettung zur Sommermitte: Mehr Einsätze, Unverletzten-Rettungen & Prävention

31. Juli 2026 | Prävention, Tipp

Weber, Radl, Angelmaier: „Rund ein Drittel mehr Einsätze als im Vorjahr – Prävention und Eigenverantwortung werden immer wichtiger. “

St. Pölten/Niederösterreich. Die Bergrettung zieht anlässlich der intensiven Einsatzserie Bilanz zur Sommermitte: „Alleine im Juli mussten die ehrenamtlichen Bergretterinnen und Bergretter bereits 60 Mal ausrücken. Das entspricht einer Steigerung von rund 33 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum.“, betont Karl Weber, Landesleiter der Bergrettung NÖ/W. Neben konventionellen Einsätzen, bedingt durch Alpinunfälle, nehmen insbesondere Suchaktionen, Erschöpfungszustände sowie Einsätze mit unverletzten, hilfsbedürftigen Personen zu. Rund ein Drittel der geretteten Personen ist unverletzt. Aber auch neue Herausforderungen mit Mountain- sowie E-Bikes nehmen zu. „Mit Blick auf den erfahrungsgemäß einsatzintensiven August mahnen wir zu sorgfältiger Tourenplanung und Wetterbeobachtung.“, so Weber.

Mehr als jeder dritte Einsatz betrifft Unverletzte

„Die Ferienzeit ist für viele Wanderzeit. Familien, Bergsportlerinnen und Bergsportler sollen die Zeit in den Bergen genießen, Kraft tanken und unvergessliche Erlebnisse sammeln. Gleichzeitig beobachten wir aber zunehmend einen Trend zu mangelnder Tourenvorbereitung und Unachtsamkeit. Das müssen wir als Gesellschaft offen ansprechen. Wer in den Bergen unterwegs ist, trägt Verantwortung – für sich selbst, aber auch für jene, die ihn begleiten.“, so Karl Weber anlässlich der steigenden Einsätze. „Gute Planung, passende Ausrüstung und ein realistisches Einschätzen der eigenen Fähigkeiten sind keine Kür, sondern Pflicht.“

Die Bergrettung NÖ/W musste seit Sommerferienbeginn (Juli) statistisch gesehen 2 Mal täglich ausrücken. Gleichzeitig stieg sowohl die Zahl der verletzten Personen von 29 auf rund 40 (+38 Prozent), aber auch jene der unverletzt geretteten Personen nahm von 14 auf rund 18 (+29 Prozent) zu. Mitten in der Hauptsaison bestätigt sich damit jener Trend, der die Bergrettung bereits seit mehreren Jahren begleitet.

Wie gefährlich bereits kleine Fehler bei der Tourenplanung sein können, zeigte ein schwerer Einsatz am Herminensteig am Schneeberg. Zwei Wanderer hatten die markierte Route verlassen und gerieten in steiles Gelände. Einer der beiden stürzte über einen Felsabsatz ab und erlitt schwere Verletzungen. Der Einsatz verdeutlicht, dass das Verlassen markierter Wege und das Vertrauen auf vermeintliche Abkürzungen im alpinen Gelände rasch lebensbedrohliche Folgen haben können. „Auch hier gilt wieder: Je schlechter ich vorbereitet bin, desto höher die Verletzungsgefahr“, so Weber.

Sucheinsätze und Wetterextreme prägen Bergsommer

Das alpine Einsatzgeschehen ist heute vielfältiger denn je. Neben klassischen Sturz- und Absturzunfällen mit Traumafolge prägen zunehmend Suchaktionen, medizinisch-internistische Notfälle infolge der sommerlichen Hitze sowie Wetterextreme den Einsatzalltag der Bergrettung.

„Sucheinsätze zählen weiterhin zu den aufwendigsten Alarmierungen. Erst vor wenigen Tagen suchten Bergretter der Ortsstelle Puchberg gemeinsam mit der Alpinpolizei, einer Drohnengruppe und Suchhunden bis tief in die Nacht nach Jugendlichen im Bereich des Herminensteigs am Schneeberg.“, so Martin Angelmaier, Landesleiter-Stellvertreter der Bergrettung NÖ/W. Die Vermissten konnten schließlich unverletzt aufgefunden werden. Solche Einsätze binden innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Einsatzkräfte und erfordern eine enge Zusammenarbeit aller Organisationen. „Deshalb investieren wir laufend in neue Technologien, um unsere Einsatzkräfte bestmöglich zu unterstützen. Drohnen helfen dabei, Suchgebiete rascher und effizienter abzusuchen und unsere terrestrischen Suchmannschaften gezielt einzusetzen. Gleichzeitig rüsten wir auch in der medizinisch-technischen Ausstattung stetig nach. Etwa durch moderne Vitalparameter-Monitore, die unsere Alpinärztinnen, Alpinärzte sowie Alpin-Sanitäterinnen und Sanitäter immer häufiger im Einsatz verwenden.“

Neuer Einsatzschwerpunkt Hitze und Wetterextreme

Auch die anhaltenden Hitzeperioden machen sich im Einsatzgeschehen bemerkbar. Kreislaufprobleme, Erschöpfung und Dehydrierung führen immer häufiger zu medizinischen Notfällen im alpinen Gelände. Am Wasserfallsteig am Muckenkogel bei Lilienfeld musste ein Wanderer nach einem vermuteten Schlaganfall gemeinsam mit dem Notarzthubschrauber und der Bergrettung aus schwierigem Gelände gerettet werden. Die Zahl medizinischer Notfälle ist gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres deutlich gestiegen.

Wie rasch sich Wetterbedingungen im Gebirge ändern können, zeigte zuletzt ein Einsatz auf der Rax. Mehrere Alpinisten wurden dort von einem plötzlich aufziehenden Gewitter mit Blitzschlaggefahr überrascht und mussten von der Bergrettung in Sicherheit gebracht werden. Gerade im Sommer können lokale Gewitter innerhalb weniger Minuten entstehen und selbst erfahrene Bergsportler in gefährliche Situationen bringen.

„Hitze, Gewitter und Wetterumschwünge werden im alpinen Gelände nach wie vor unterschätzt. Wer früh startet, Wetterberichte laufend beobachtet und bereit ist, eine Tour rechtzeitig abzubrechen, erhöht seine Sicherheit wesentlich.“, sagt Weber.

So musste am 29. Juli eine Klettergruppe in der Route „Traum und Wirklichkeit“ von der Bergrettung Hohe Wand aufgrund des herannahenden Gewitters gerettet werden. Beim Versuch, die Route rasch zu verlassen, klemmte sich das Abseilseil ein. Die alarmierte Bergrettung erreichte die Gruppe noch vor dem Gewitter, befreite das Seil und ermöglichte den Kletterern eine sichere Rückkehr ins Tal. Alle Beteiligten blieben unverletzt.

Mountainbikes erweitern Einsatzspektrum

Auch wenn die Zahl der Mountainbike-Einsätze gegenüber dem Vorjahr leicht zurückging, zählen sie weiterhin zu den häufigsten Einsatzarten der Bergrettung. Höhere Geschwindigkeiten, technisch anspruchsvollere Strecken und die zunehmende Verbreitung von E-Mountainbikes führen regelmäßig zu schweren Verletzungen.

Erst vor wenigen Wochen mussten die Bergretter der Ortsstelle Puchberg einen gestürzten Mountainbiker im Bereich der Flatzer Wand medizinisch versorgen und ins Tal transportieren. Gerade auf Forststraßen und alpinen Trails können bereits kleine Fahrfehler schwerwiegende Folgen haben. Eine defensive Fahrweise und geeignete Schutzausrüstung bleiben daher unverzichtbar.

Verletzungen führen nach wie vor die Einsatzstatistik an

„Verletzungsbedingte Alpineinsätze bleiben mit deutlich mehr als der Hälfte aller Einsätze weiterhin der häufigste Alarmierungsgrund der Bergrettung. Das zeigt, dass ein Restrisiko im alpinen Gelände bestehen bleibt. Genau für diese Situationen sind unsere Bergretterinnen und Bergretter bestens ausgebildet und gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen rund um die Uhr einsatzbereit“, sagt Landesleiter Karl Weber.

So ereignete sich kürzlich für die Annaberger Bergrettung ein fordernder Einsatz in den Ötschergräben. Ein vierjähriges Mädchen stürzte rund acht Meter über steiles Gelände ab und erlitt Verletzungen. Die Bergrettung rettete das Kind gemeinsam mit den weiteren Einsatzorganisationen, bevor es vom Notarzthubschrauber C3 ins Krankenhaus geflogen wurde. Der Einsatz verdeutlicht, wie rasch auch auf beliebten Familienwanderwegen lebensgefährliche Situationen entstehen können.

Am 30. Juli stürzte ein Quadfahrer im Bereich der Ötscherlifte rund 15 Meter über eine Böschung ab und erlitt schwere Verletzungen. Nach der Erstversorgung wurde der Patient gemeinsam von den Bergrettungs-Ortsstellen Lunz am See und Lackenhof sowie den Feuerwehren Gaming, Lunz am See und Lackenhof aus dem unwegsamen Gelände geborgen.

Am 20. Juli erlitt ein 61-jähriger Wanderer am Muckenkogel bei Lilienfeld während einer Tour einen medizinischen Notfall mit Verdacht auf Schlaganfall. Nach der Erstversorgung durch die Bergrettung Lilienfeld-Freiland wurde der Patient mittels Notarzthubschrauber zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus geflogen.

Tags darauf verletzte sich eine 50-jährige Wanderin am Großen Ötscher schwer am Sprunggelenk. Nach der medizinischen Erstversorgung, Ruhigstellung und Schmerztherapie transportierten die Bergretterinnen und Bergretter der Bergrettung Lackenhof die Patientin ins Tal und übergaben sie dem Roten Kreuz.

Wenige Tage davor zog sich ein 30-jähriger Wanderer im Bereich des Obersees bei Lackenhof nach einem Sturz eine tiefe Rissquetschwunde am Unterschenkel zu. Nach der Versorgung vor Ort wurde er von der Bergrettung ins Tal gebracht und an das Rote Kreuz übergeben. (Hier war im Originaltext ein Satz abgebrochen.)

Auf der Rax verletzte sich eine Wanderin nach einem Sturz im alpinen Gelände. Nach der Erstversorgung durch die Bergrettung Reichenau erfolgte die Rettung in Zusammenarbeit mit dem Notarzthubschrauber.

Simone Radl: „Passen Taktik stetig an Einsatzgeschehen an“

Die Bergrettung Niederösterreich/Wien ist auf das steigende Einsatzgeschehen sowohl personell als auch taktisch bestens vorbereitet. Dafür sorgen eine fundierte Aus- und Fortbildung, moderne Ausrüstung sowie eine konsequente Nachwuchsarbeit mit Bergrettungsjugendgruppen in ganz Niederösterreich.

„Unsere Einsatzbereitschaft beginnt lange vor der Alarmierung. Sie entsteht durch laufendes Training, moderne Ausbildung und engagierte Nachwuchsarbeit in den zahlreichen Jugendbergrettungen, verstreut in ganz Niederösterreich. So stellen wir sicher, dass wir auch künftig rasch und professionell helfen können“, betont Landesleiter-Stellvertreterin Simone Radl.

Ein besonderer Dank gilt dem Land Niederösterreich mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Landesrätin Eva Prischl für die verlässliche Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit der Bergrettung Niederösterreich/Wien.

Sommer und Herbst 2026 im Zeichen der Prävention

Der August ist traditionell einer der einsatzstärksten Monate der Bergrettung. Umso mehr setzen wir gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen alles daran, Prävention und Information weiter zu stärken – über unsere Social-Media-Kanäle ebenso wie durch klassische Medienarbeit.

Wer sich zusätzlich in den digitalen sowie sozialen Medien auf eine Tour vorbereiten möchte, sollte auf verlässliche Informationsquellen setzen. „Wir empfehlen, den Websites und den Kanälen der Bergrettung Niederösterreich/Wien zu folgen und darüber hinaus natürlich jenen von einschlägigen Alpinprofis wie dem Alpenverein oder den Naturfreunden und dergleichen. Dort erhält man akkurate und praxisnahe Hinweise auf neue Techniken, aktuellen Ausrüstungsstand und Gefahren“, betont Landesleiter Karl Weber und weiter: „Bergsport lernt man aber nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Wer sicher in den Bergen unterwegs sein möchte, muss regelmäßig üben, Erfahrungen sammeln und seine Fähigkeiten laufend weiterentwickeln. Routine und realistische Selbsteinschätzung sind ein wesentlicher Beitrag zur eigenen Sicherheit am Berg. Oder mit anderen Worten: Die Grundlage für Eigenverantwortung.“

Vorankündigung: Medienvertreterinnen und -Vertreter sind herzlich zu unserer Pressekonferenz „Sicher in den Wanderherbst“ mit dem NÖSZV und dem Notruf NÖ am 3. September 2026, 09.00 Uhr, in das Höllental/Bezirk Neunkirchen eingeladen. Genaue Infos folgen.

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