Bergrettung verzeichnet zunehmend Einsätze für erschöpfte, verstiegene oder orientierungslose Personen
Nicht jeder Einsatz der Bergrettung beginnt mit einem Unfall. Immer häufiger werden die Einsatzkräfte zu Menschen gerufen, die unverletzt, aber aus eigener Kraft nicht mehr sicher weiterkommen. Sie haben sich verstiegen, die Orientierung verloren, ihre Kräfte überschätzt oder geraten durch Dunkelheit und Wetter in eine Situation, aus der ein selbstständiger und sicherer Abstieg nicht mehr möglich ist.
Die Entwicklung zeigt sich auch in der Einsatzstatistik der Bergrettung Niederösterreich/Wien: Im Juli 2026 entfiel rund ein Drittel der Rettungen auf unverletzte Personen. Gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres stieg deren Zahl von rund 14 auf etwa 18 Personen – ein Plus von knapp 30 Prozent.
Unverletzt bedeutet nicht ungefährlich
Eine solche Alarmierung kann für die Bergrettung ähnlich aufwendig sein wie die Rettung eines Verletzten. Gerade bei verstiegenen oder verirrten Personen muss zunächst geklärt werden, wo sie sich überhaupt befinden. Ungenaue Standortangaben, schlechter Mobilfunkempfang, ein schwacher Handy-Akku oder ein unbekanntes Zielgebiet können die Suche zusätzlich erschweren.
Ist eine Person schließlich lokalisiert, bleibt die eigentliche Aufgabe: Sie muss aus dem absturzgefährdeten oder unwegsamen Gelände sicher zurück auf einen Weg oder ins Tal gebracht werden. Je nach Situation sind dafür Bergrettungsmannschaften, Alpinpolizei, Suchhunde, Drohnen oder Hubschrauber erforderlich.
Dass solche Situationen rasch ernst werden können, zeigen Einsätze aus diesem Sommer. Im Rax-Schneeberg-Gebiet musste etwa eine 55-jährige Wanderin aus weglosem Absturzgelände geborgen werden. Sie hatte ihren Abstieg per App geplant und Hinweisschilder übersehen. Die Frau blieb unverletzt, befand sich jedoch in einem Gelände, aus dem ein gefahrloser selbstständiger Abstieg nicht mehr möglich war. Auch am Schneeberg rückte die Bergrettung im August wiederholt für unverletzte, erschöpfte Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus.
Wenn Tourenplanung, Kondition und Orientierung zusammenkommen
Die Ursachen sind unterschiedlich – häufig greifen mehrere Faktoren ineinander. Eine Tour dauert länger als erwartet, die Kräfte lassen nach, das Wetter verändert sich oder die Dunkelheit kommt näher. Besonders problematisch kann es werden, wenn digitale Navigation als alleinige Grundlage verwendet wird und eine vermeintliche Route in wegloses oder schwieriges Gelände führt.
Smartphones und GPS sind dabei keineswegs das Problem an sich. Im Gegenteil: Im Notfall sind sie heute wichtige Rettungsinstrumente. Standortdaten können wesentlich dazu beitragen, Menschen schneller zu lokalisieren. Entscheidend ist jedoch, digitale Navigation richtig einzusetzen und die tatsächlichen Verhältnisse im Gelände nicht aus dem Blick zu verlieren.
„Dass jemand unverletzt ist, bedeutet nicht, dass keine ernste Notlage vorliegt. Wer erschöpft, orientierungslos oder in absturzgefährdetem Gelände festsitzt, braucht unsere Hilfe. Gleichzeitig sehen wir bei vielen dieser Einsätze, wie entscheidend gute Tourenplanung, realistische Selbsteinschätzung und rechtzeitiges Umkehren sind.“
Karl Weber, Landesleiter der Bergrettung Niederösterreich/Wien
Der richtige Zeitpunkt zum Umkehren
Ein wesentlicher Teil der Prävention beginnt deshalb lange vor dem Notruf. Route, Dauer und Schwierigkeit sollten zur eigenen Kondition passen. Wetterentwicklung und verbleibende Tageszeit müssen während der Tour laufend neu beurteilt werden. Ausreichend Wasser, passende Bekleidung, feste Schuhe, Orientierungsmittel und ein geladenes Mobiltelefon gehören zur Grundausstattung.
Vor allem aber gilt: Umkehren ist keine Niederlage. Wer merkt, dass Zeit, Wetter oder eigene Kräfte nicht mehr zur geplanten Tour passen, sollte frühzeitig reagieren. Die Bergrettung weist ausdrücklich darauf hin, dass Übermüdung, Erschöpfung und Überforderung häufige Ursachen alpiner Notlagen sind. Auch Verirren kann aufwendige und langwierige Sucheinsätze auslösen.
Kommt es dennoch zu einer Notlage, sollte nicht gewartet werden, bis sich die Situation weiter verschärft. Über den Alpinnotruf 140 kann die Bergrettung alarmiert werden. Standort und Situation sollten dabei möglichst genau beschrieben und der Handy-Akku anschließend geschont werden.
Die beste Rettung bleibt jene, die durch gute Vorbereitung gar nicht notwendig wird.




