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Bergrettung Niederösterreich/Wien im Katastropheneinsatz in der Türkei

27. Feb 2023 | Einsatz

Bergrettung Niederösterreich/Wien im Katastropheneinsatz in der Türkei – die Einsatzmeldung der anderen Art 

„Erdbeben in der Türkei, eventueller Einsatz der AFDRU.“ sind die ersten Worte, die ich am 6. Februar gegen 6:30 Uhr höre. Da mein Bürotag im Regelfall um 8:00 Uhr beginnt, war ich noch im Bett als mich unser Ansprechpartner des Österreichischen Bundesheeres, genauer gesagt der Austrian Forces Disaster Relief Unit (kurz AFDRU), anrief, um uns über einen möglichen Einsatz zu informieren. Das Telefonat bringt Gewissheit: Das Erdbeben in der Türkei und in Syrien bietet Anlass für den ersten AFDRU Einsatz seit dem Beginn unserer nun vierjährigen Partnerschaft zwischen Bundesheer und der Bergrettung Niederösterreich/Wien. Schnell einen Kaffee aufstellen und nachdenken was die nächsten Schritte für mich sind. 
Bei einem „klassischen“ Bergrettungseinsatz sind die Prozedere der Einsatzvorbereitung eingespielt, für einen Einsatz mit rund zweiwöchiger Einsatzdauer und einem Einsatzraum, der rund 2.200 Kilometer entfernt ist noch nicht. Daher Kopf schief halten und die Checkliste für unser Team vorbereiten, dem eine akribische Recherche vorausgeht. Ich fasse möglichst viele Informationen zusammen, um das weitere Vorgehen planen zu können. Nach einem kurzen Blick in die Zeitung ist das Ausmaß der Katastrophe schnell klar: Das Erdbeben mit der Stärke hinterlässt eine unfassbare Zahl an Opfern und ein Bild der Zerstörung. 
Nach den ersten Informationen wurden 20 Bergretter:innen, welche bereits den Basiskurs der AFDRU absolviert haben, mit den wesentlichsten Informationen versorgt und deren Verfügbarkeit abgefragt. Für Einsätze in den Bergen Niederösterreichs, die im Regelfall einen Tag in Anspruch nehmen, kann man sich doch schneller Zeit nehmen als für eine Einsatzdauer von zehn Tagen und länger auf türkischem Boden. Es findet sich ein Einsatzteam von fünf speziell ausgebildeten Bergretter:innen unserer Ortsstellen Triestingtal, Hohe Wand und Reichenau. Ein weiterer Bergretter der Ortsstelle Lilienfeld bildete unsere „Homebase“. Seine Aufgaben sind den Gesamtüberblick zu behalten, Medien zu betreuen, Angehörige informiert zu halten und auch organisationsintern die wichtigsten Informationen zu teilen.

Vorbereitungen 
Während wir die Vorkehrungen treffen, ergeht um 13:00 Uhr die entscheidende Meldung an die freiwilligen Bergretter:innen, wonach wir uns bis 18:00 Uhr im ABC-Abwehrzentrum in Korneuburg der Heimat der AFDRU, einfinden sollen. Hier erfolgt die organisationsübergreifende Einsatzkoordinierung. Damit heißt es auch für mich, das wichtigste zu packen, rein ins Auto und noch die fehlenden Dinge einkaufen. 
Zeitgleich dazu eine Information an den Bundesverband der Bergrettung Österreich, dass wir mit fünf Bergretter:innen ins Ausland fahren werden sowie die anstehenden (Büro-)Termine absagen. An was man alles denken muss, wenn man von jetzt auf gleich in den Einsatz geht. Auch die Übergabe der Landesgeschäftsstelle musste noch erledigt werden, da ich wohl die nächsten Tage keine Zeit für meine die administrativen Tätigkeiten haben werde. Großes Lob und ein Danke an meine Kolleg:innen, welche es möglich machen, dass auch ich Teil dieser kurzfristig anberaumten Rettungsmission sein kann.
Nach dem Eintreffen in der Kaserne heißt es zuerst den Onboarding-Prozess zu durchlaufen. Dabei müssen die persönlichen Daten aktualisiert, Notfallkontakte angeführt, ein medizinischer Check absolviert und persönliches Material aufgefasst werden. Nach positiver Absolvierung gab es grünes Licht für die Teilnahme an dieser Mission. Umgehend danach geht es für das Vorauskommando Richtung Militärflughafen Hörsching, um von dort mit einer Hercules in den Einsatzraum zu verlegen. 

Die Reise ins Ungewisse beginnt… 
Im Vorauskommando ist neben Major Bernhard Lindenberg als Kontingentskommandant und selbst ehrenamtlicher Bergretter, ein weiteres Mitglied der Bergrettung NÖ/W vertreten.
Für den Rest der Bergretter:innen geht es gegen 02:00 Uhr ins Bett und bereits um 06:00 Uhr weiter mit den letzten Vorbereitungen. Gegen 17:00 Uhr finden wir uns in Wien Schwechat am Rollfeld ein – Boarding beginnt, Abflug geglückt. Nun trennen uns noch rund 2.200 Kilometer vom Einsatzraum – ein Flug ins Ungewisse.

Hier will ich die Chance nutzen und dem Team der Austrian Airlines einen großen Dank aussprechen. Sie haben uns nicht nur freundlich umsorgt, sondern uns beim Flug noch mit Essen und Getränken eingedeckt. Es wird die letzte „richtige“ Nahrung für einige Zeit bleiben. Gegen 00:00 landen wir in Adana und warten auf die erste Cargomaschine mit den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen für den Einsatz. Nach der Entladung des Flugzeugs geht es mit Bussen und LKWs in die rund 200 km entfernte Stadt Antakya. Die Stadt mit rund 400.000 Einwohner:innen wird für die nächsten Zeit unser Zuhause sein. 
Bereits am Weg in unsere BoO (Base of Operations), also dem Ort an welchem die internationalen Hilfskräfte der Stadt ihr Lager aufschlagen, zeigt sich das verheerende Bild. Unendlich viele Häuser liegen in Trümmern, Straßen sind zerstört und eine unzählbare Zahl an Menschen wartet vor den eingestürzten Häusern auf Hilfe. Mit der Ankunft beginnt für rund die Hälfte des Kontigents der Aufbau der BoO und für die andere Hälfte der Einsatz an unterschiedlichen Schadstellen.

Drei Bergretter:innen sind im Rette- und Bergeelement eingegliedert. Zwei weitere – mich eingeschlossen – haben die Funktion eines Verbindungsoffiziers. Meine Hauptaufgabe wird es sein im UCC (Urban Search and Rescue coordination cell) – also einer Art internationale Einsatzleitung – mitzuarbeiten und bei der Koordination aller internationalen Teams in der Türkei zu unterstützen. Sofern wir nicht in der Funktion eines Verbindungsoffiziers tätig sind, gliedern wir uns in ein Rette- und Bergeelement ein, um auch körperlich an der Rettung von Menschenleben mitzuwirken. 

Einsatztaktik 
Damit man sich die Arbeit an einer solchen Schadstelle vorstellen kann, möchte ich einen kurzen Überblick geben: Zuerst werden im Regelfall die Suchhunde auf die Schadstelle geschickt, diese versuchen die Witterung von lebenden Personen aufzunehmen. Sofern die Suchhunde etwas wahrnehmen können, bellen sie und zeigen damit einen Fund an. Danach wird – sofern kein Rufkontakt hergestellt werden kann – mit Schallortungsgeräten versucht eine genaue Position der verschütteten Person festzustellen. Sobald das gelungen ist beginnt die harte körperliche Arbeit, mit Hilfe unterschiedlicher Werkzeugen, Hilfs- und Bergemittel, den Zugang zu den lebenden Person freizulegen. Dies gelingt allerdings nicht in einer Stunde oder zwei, sondern nimmt meist mehrere Stunden in Anspruch.
Ab dem ersten Auftrag im UCC verschwimmen für mich die Zeiten und Tage. Aufgrund der Schichtarbeitet und der Vielzahl an Aufgaben, hat der Zeitbegriff an Bedeutung verloren. Im Regelfall lautet der Tagesablauf: Essen, Arbeiten, Essen, Schlafen und wieder von vorne. Oft sind es bis zu 16 Stunden-Schichten, welche die Rette- und Bergetrupps auf den Schadstellen verbringen, um so gut als möglich zu helfen. Es ist der Anspruch jedes einzelnen des gesamten Kontigents alles zu geben, damit wir gemeinsam erfolgreich sein können. Natürlich bleibt wenig Zeit für Schlaf: in den ersten Tagen kommen wir auf nur rund drei bis fünf Stunden.

Kampf gegen die Zeit 
Mit der fortschreitenden Zeit wird es leider nicht nur unwahrscheinlicher Menschen lebend aus den Trümmern zu retten, sondern es nimmt auch die Erschöpfung der Retter:innen zunehmend zu. Dennoch: Die Motivation des gesamten Kontingents bleibt extrem hoch, da immer wieder lebende Personen aus den Trümmern gerettet werden konnten.
Es ist ein enorm emotionaler Moment, wenn man stundenlang arbeitet, um bis zu den Lebenden vorzudringen und diese dann aus den Trümmern bergen kann. Ein besonders berührender Moment für das gesamte Kontingent war es, als zeitgleich fünf Personen, welche nahezu unverletzt waren, aus den Trümmern gezogen werden konnten.
Gemeinsam gelingt es der AFDRU neun Menschenleben zu retten. Bei jeder einzigen Schadstelle spürt man die Dankbarkeit der lokalen Bevölkerung, die uns trotz dieser Katastrophe mit heißem Tee und lokalen Köstlichkeiten versorgen.

Heimreise 
Jeder Einsatz geht irgendwann zu Ende und so bereiten auch wir am Tag sieben unsere Heimkehr vor. Nach sieben Tagen in der Stadt Antakya geht es nun für uns zurück nach Adana. Nach zwei Tagen interner Nachbereitung, psychologischem Debriefing und Lessons learned-Prozessen treten wir die Heimreise nach Österreich an. Die Ankunft am Flughafen Wien Schwechat ist unglaublich emotional und voller Dankbarkeit. Die türkische Community hat uns einen einzigartigen Empfang bereitet. Die betroffenheit und der Stolz, dass auch Österreich seinen Beitrag leistet war den Menschen ins Gesicht geschrieben.

Fazit 
Viele fragen sich, ob ein solcher Einsatz sinnvoll ist, oder ob die Bergrettung dabei wirklich einen Beitrag leisten kann? Auch die Frage, ob es Entbehrung und Risiko wert sind. Für uns Bergretteretter:innen lautete die Antwort ganz klar: Ja!
Die internationale Solidarität wird auch uns Österreicher:innen zuteil. Denken, wir an den Einsatz in Reichenau im Herbst 2021 beim größten Waldbrand in der Geschichte unseres Landes. Und ganz abgesehen von den vielen einsatztaktischen Erfahrungen, die wir in der Heimat in der Höhen- und Tiefenrettung einsetzen können, gibt es wohl nur wenige, schönere Gefühle im Leben, als Menschen, denen das Schicksal alles genommen hat zu helfen. 

Fotos: © ÖBRD

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