Weber, Kainz, Schmoll/Spielbichler:
“Gemeinsam vorbeugen, koordinieren und handeln”
Bergrettung NÖ/Wien zieht mit NÖ Zivilschutzverband und Notruf NÖ Bilanz – Einsätze im Sommer um knapp 20 Prozent gestiegen – immer mehr Menschen geraten unverletzt in Bergnot – Partner setzen verstärkt auf Prävention, Eigenverantwortung und moderne Notruftechnologie
Weichtalhaus/Niederösterreich. Die Bergrettung Niederösterreich/Wien zieht nach einem intensiven Sommer gemeinsam mit dem Niederösterreichischen Zivilschutzverband und Notruf Niederösterreich Bilanz und richtet gleichzeitig den Blick auf den traditionell einsatzintensiven Wanderherbst. In einem vergleichbaren Zeitraum von jeweils 60 Tagen stieg die Zahl der Einsätze von 124 im Vorjahr auf hochgerechnet knapp 150 im heurigen Sommer – ein Plus von rund 20 Prozent. Wandern und Bergsteigen bleiben mit Abstand der größte Einsatzbereich: Hier stieg die Zahl von 67 auf hochgerechnet rund 77 Ereignisse.
„Unsere Einsatzbilder werden vielfältiger. Neben dem klassischen Alpinunfall beschäftigen uns zunehmend Wetterextreme, spezialisierte Rettungen etwa nach Mountainbike- und E-Bike-Unfällen und vor allem ein Bereich, den wir seit einigen Jahren sehr genau beobachten: Menschen geraten unverletzt in Bergnot“, erklärt Karl Weber, Landesleiter der Bergrettung Niederösterreich/Wien.
Unverletzt – und trotzdem auf Hilfe angewiesen
Besonders deutlich ist die Entwicklung bei unverletzt geretteten Personen. Waren es im Vergleichszeitraum 2025 noch 40 Personen, sind es heuer mehr als 50 – eine Steigerung um deutlich mehr als ein Viertel. Die Ursachen reichen von Verirren und Versteigen über ungeeignete Ausrüstung und mangelnde Verpflegung bis zu konditioneller Überforderung oder einem zu späten Tourenstart. Häufig führt erst eine Verkettung mehrerer kleiner Fehlentscheidungen zur Notlage.
„Eine Stunde zu spät gestartet, eine Abzweigung übersehen, zu wenig Wasser dabei, dann schlägt das Wetter um und schließlich wird es dunkel. Aus mehreren kleinen Problemen kann sehr schnell ein Bergrettungseinsatz werden. Viele dieser Einsätze wären durch bessere Vorbereitung vermeidbar“, so Weber.
Neben klassischen Sturzverletzungen und medizinischen Notfällen stellt sich die Bergrettung zunehmend auch auf Wetterextreme ein. Hitze und Flüssigkeitsmangel begünstigen Erschöpfung und Kreislaufprobleme; Gewitter, Starkregen oder Sturm können die Bedingungen im alpinen Gelände innerhalb kürzester Zeit grundlegend verändern.
„Wetter ist nicht mehr nur eine Rahmenbedingung einer Tour. Wetter kann selbst zum entscheidenden Einsatzfaktor werden. Darauf müssen sich sowohl die Wanderinnen und Wanderer als auch unsere Einsatzkräfte einstellen“, betont Weber.
Auch Mountainbike- und E-Bike-Einsätze bleiben trotz zuletzt leicht rückläufiger Fallzahlen relevant. Höhere Geschwindigkeiten, größere Reichweiten und zunehmend alpine Routen stellen insbesondere bei Rettungen aus schwierigem Gelände besondere Anforderungen.
Das Mobiltelefon ist nicht das Problem – entscheidend ist, wie wir es verwenden
Smartphones haben die Sicherheit am Berg deutlich erhöht. Digitale Karten, GPS, Wetterinformationen und Standortübermittlung helfen bei der Tourenplanung und können im Notfall entscheidend dazu beitragen, Menschen rasch zu finden. Gleichzeitig beobachtet die Bergrettung bei ihren Einsätzen auch die Kehrseite dieser Entwicklung.
„Smartphones bringen uns einen deutlichen Zugewinn an Sicherheit. Sie können aber auch ein Gefühl trügerischer Sicherheit vermitteln, wenn man nicht weiß, wie man sie richtig einsetzt. Das erleben wir bei unseren Einsätzen immer wieder: Google-Maps-Navigation wird ungeprüft ins alpine Gelände übertragen, Touren von Social-Media-Influencern werden nachgemacht oder Tipps und Routenvorschläge übernommen, ohne sie mit der eigenen Erfahrung, Kondition oder den tatsächlichen Bedingungen am Berg abzugleichen“, erklärt Karl Weber.
Auch für Christoph Kainz steht deshalb nicht die Technnik selbst, sondern der verantwortungsvolle Umgang damit im Mittelpunkt: „Das Mobiltelefon ist am Berg nicht das Problem – im Gegenteil, richtig eingesetzt kann es ein wichtiges Sicherheitsinstrument sein. Entscheidend ist der Mensch, der es verwendet. Eine App kann uns bei der Orientierung unterstützen, sie nimmt uns aber weder die Tourenplanung noch die Eigenverantwortung ab.“
Wanderherbst ist keine Nebensaison
Mit dem September beginnt für viele Menschen eine der attraktivsten Wanderzeiten. Gleichzeitig werden die Tage kürzer, die Nächte kälter und die Wetterlagen wechselhafter. Durch die Nähe zu den Ballungsräumen Wien, Bratislava und Graz sowie zu den Nachbarländern sind Rax, Schneeberg, Hohe Wand, Ötscher und weitere niederösterreichische Wanderregionen für ein großes Publikum rasch erreichbar.
„Der Wanderherbst ist für die Bergrettung keine Nebensaison. Wer jetzt unterwegs ist, muss kürzere Tage, rasche Wetteränderungen und deutlich niedrigere Temperaturen in höheren Lagen von Beginn an in seine Tourenplanung einbeziehen“, erklärt Weber.
Geeignete Schuhe, ausreichend Flüssigkeit und Verplegung, wetterfeste und warme Bekleidung sowie Kopf- und Handbedeckung und eine Stirnlampe gehören deshalb zur Grundausstattung. Tourenlänge, Höhenmeter und Kondition müssen realistisch eingeschätzt werden. Ebenso wichtig sind ein früher Tourenstart und ein rechtzeitig festgelegter Umkehrzeitpunkt ist.
Prävention beginnt lange vor dem Alpinnotruf
Angesichts steigender Einsatzzahlenu setzen Bergrettung, NÖ Zivilschutzverband und Notruf NÖ auf eine klare Arbeitsteilung entlang einer gemeinsamen Sicherheitskette: vorbereiten und informieren, Notlagen möglichst verhindern – und im Ernstfall rasch die richtigen Informationen und Einsatzkräfte zusammenführen.
Die Bergrettung bringt dabei ihre alpine Fach- und Einsatzerfahrung unmittelbar in die Präventionsarbeit ein. Über Medien, Website, Social Media und Präventionsprojekte werden typische Unfallursachen und konkrete Sicherheitsregeln vermittelt.
Der Niederösterreichische Zivilschutzverband setzt bereits einen Schritt davor an: bei Eigenvorsorge, Risikobewusstsein und der Vermittlung von Sicherheitswissen in der Bevölkerung. Als Schnittstelle zu Gemeinden, Bevölkerung und Einsatzorganisationen sollen Präventionsbotschaften möglichst breit und frühzeitig ankommen – nicht nur für große Katastrophen, sondern auch für Risiken des Alltags und für Freizeitaktivitäten in der Natur.
„Sicherheit funktioniert nur gemeinsam. Als Niederösterreichischer Zivilschutzverband verstehen wir uns als Drehscheibe zwischen Bevölkerung, Gemeinden und Einsatzorganisationen. Durch diese Vernetzung können wir Wissen und wichtige Sicherheitstipps direkt und schnell zu den Menschen bringen“, erklärt LAbg. Bgm. Christoph Kainz, Präsident des Niederösterreichischen Zivilschutzverbandes.
Dabei gehe es oftmals nicht um komplizierte Maßnahmen, sondern um grundlegende Fragen: Passt die Tour zu meiner Kondition? Wie entwickelt sich das Wetter? Welche Kleidung und Ausrüstung brauche ich? Habe ich ausreichend Wasser und Verpflegung dabei? Und wann muss ich umkehren?
Kainz appelliert zugleich an die Eigenverantwortung: „Es ist keine Schande, am Berg Hilfe zu brauchen. Zum Problem wird es, wenn Menschen zu lange warten oder gar keine Hilfe holen. Lieber rechtzeitig Kontakt aufnehmen und die Situation gemeinsam beurteilen, bevor aus einem lösbaren Problem eine ernste Notlage wird.“
Prävention und Information: Menschen auf allen Kanälen erreichen
Prävention und die laufende Information der Bevölkerung sind angesichts der Entwicklung der Einsatzzahlen zu einem wesentlichen Bestandteil der Arbeit geworden. Gemeinsam mit dem Niederösterreichischen Zivilschutzverband sollen Sicherheitstipps unter anderem über Beiträge in den Gemeindezeitungen möglichst flächendeckend in Niederösterreich vermittelt werden. Ergänzend werden kompakte Präventionskarten im Scheckkartenformat entwickelt, die die wichtigsten Hinweise zu Tourenplanung, Ausrüstung und Verhalten im Notfall so zusammenfassen, dass sie tatsächlich mit auf den Berg genommen werden können.
“Prävention muss sichtbar, verständlich, wiederkehrend und möglichst nahe an den Menschen stattfinden.” so Christoph Kainz.
Alpinnotruf 140: professionelle Hilfe, wenn die Adresse fehlt
Kommt es trotz Vorbereitung zu einem Notfall, übernimmt Notruf Niederösterreich eine zentrale Funktion in der Rettungskette. Anders als bei einem Notfall im Siedlungsgebiet gibt es am Berg häufig weder Straße noch Hausnummer. Die Leitstelle muss deshalb medizinische Notrufabfrage, Lokalisierung und die besonderen Anforderungen eines Alpineinsatzes miteinander verbinden.
Speziell geschulte Notrufexperten erheben den medizinischen Zustand, Unfallmechanismus und die Dringlichkeit. Gleichzeitig wird geklärt, wo sich die Betroffenen befinden, welche Wetter- und Sichtbedingungen herrschen und welche Einsatzmittel erforderlich sind. Handyortung, GPS-Koordinaten und die automatische Umrechnung unterschiedlicher Koordinaten- und Kartensysteme unterstützen dabei die Lokalisierung. Bei einem Alpineinsatz werden jedenfalls die zuständige Bergrettungs-Ortsstelle und die Alpinpolizei alarmiert; abhängig von Verletzung und Einsatzlage kommen weitere Rettungsmittel bis hin zum Notarzthubschrauber hinzu.
„Alpine Rettung beginnt nicht erst, wenn die ersten Einsatzkräfte am Berg eintreffen. Sie beginnt mit dem Anruf beim Alpinnotruf 140. Unser Ziel ist es, bereits in den ersten Minuten möglichst genau zu wissen: Wo ist die Person? Was ist passiert? Wie dringend ist die Situation? Und welche Einsatzkräfte bringen unter den gegebenen Bedingungen am schnellsten die richtige Hilfe?“, erklärt Stefan Spielbichler von Notruf Niederösterreich.
Wichtig ist dabei auch das Verhalten der Hilfesuchenden: Das Notrufgespräch sollte erst beendet werden, wenn der Notrufexperte dazu auffordert. Danach gilt es, telefonisch erreichbar zu bleiben und den Akku des Mobiltelefons zu schonen, da häufig auch der Einsatzleiter der Bergrettung direkt Kontakt aufnimmt.
Notruf-App wird zum digitalen Sicherheitsnetz
Prävention und Notruftechnik greifen zunehmend ineinander. Die Notruf-App von Notruf Niederösterreich ermöglicht nicht nur die Übermittlung des aktuellen Standortes und medizinisch relevanter Informationen, sondern verfügt auch über ein eigenes Alpinmodul mit Tourenbuch.
Vor Tourenbeginn können unter anderem Sportart, Start- und Zielpunkt, geplante Start- und Zielzeit, Tourenmitglieder und zusätzliche Kontaktpersonen hinterlegt werden. Während der Tour kann die Position getrackt werden. Wird eine Tour nicht wie vorgesehen beendet, startet eine mehrstufige Sicherheitskette: zunächst werden Tourenmitglieder, anschließend Kontaktpersonen verständigt. Bleibt weiterhin eine Rückmeldung aus, kann über die Rettungsleitstelle eine Such- und Rettungsaktion ausgelöst werden. Der Leitstelle stehen dabei der zuletzt getrackte Standort und die hinterlegten Tourinformationen zur Verfügung.
Damit schließt sich die Präventionskette: Der Zivilschutzverband stärkt Sicherheitsbewusstsein und Eigenvorsorge, die Bergrettung bringt alpine Fachkompetenz und Erfahrungen aus realen Einsätzen in die Prävention ein, und Notruf Niederösterreich verbindet Vorsorge mit Standortinformation, strukturierter Notrufabfrage, Alarmierung und Koordination im Ernstfall.
Von 601 auf 886 Einsätze: langfristiger Trend unterstreicht Bedeutung der Zukunftsausrichtung und der Prävention
Wie stark sich das Einsatzgeschehen langfristig verändert hat, zeigt der Zehnjahresvergleich: 2016 verzeichnete die Bergrettung Niederösterreich/Wien 601 Einsätze, 2025 waren es bereits 886. Das entspricht einem Anstieg um rund 47 Prozent. Würde sich diese Entwicklung rein rechnerisch in derselben Größenordnung fortsetzen, läge die Zahl in zehn Jahren bei rund 1.400 Einsätzen. Dabei handelt es sich ausdrücklich um ein Rechenszenario und nicht um eine Prognose.
„Diese Entwicklung zeigt, warum wir heute über Prävention sprechen müssen. Die Medien sind dabei ein Teil der Lösung. Sie erreichen Menschen mit unseren Sicherheitsbotschaften, bevor wir sie vielleicht eines Tages am Berg erreichen müssen“, so Weber.
Auch die steigende Zahl der Förderer wertet die Bergrettung als Zeichen der Unterstützung. Der jährliche Förderbeitrag von 36 Euro verbindet eine Bergungskosten-Vorsorge von bis zu 25.000 Euro mit der direkten Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit der Bergrettung.
„Ein Förderbeitrag bewirkt damit gleich zwei gute Dinge: Vorsorge für mich und meine Familie und Unterstützung für jene ehrenamtlichen Bergretterinnen und Bergretter, die im Ernstfall ausrücken“, erklärt Weber.
Alpine Sicherheit funktioniert nur gemeinsam
Moderne alpine Sicherheit ist damit keine Aufgabe einer einzelnen Organisation. Prävention, Eigenverantwortung, Notruftechnik, medizinische Kompetenz, Gebietzskenntnis und organisationsübergreifende Zusammenarbeit müssen ineinandergreifen.Besonderer Dank gilt den Partnern Niederösterreichischer Zivilschutzverband mit Präsident Christoph Kainz und Notruf Niederösterreich mit Geschäftsführer Sepp Schmoll, beim Pressegespräch vertreten durch Stefan Spielbichler.
Weber dankt in diesem Zusammenhang Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner für den Rückhalt und die Rahmenbedingungen für die niederösterreichische Sicherheitsfamilie sowie Landesrätin Eva Prischl für die laufende Unterstützung der Bergrettung.
Drei stellvertretende Einsatzbeispiele die das gesteigerte Aufkommen im Sommer beschreiben
Rax – vom Weg abgekommen:
Ein junges Paar kommt Anfang Juli auf der Rax vom markierten Weg ab und gerät mit zunehmender Dunkelheit in eine Situation, aus der es nicht mehr selbstständig weiterkommt. Die Bergrettung muss zur nächtlichen Rettung ausrücken. Ein Beispiel dafür, wie aus einem zunächst kleinen Orientierungsproblem eine alpine Notlage entstehen kann.
Lackenhof/Lunz – klassische Alpinunfälle:
Mehrere Einsätze im Mostviertel zeigen die andere Seite des Einsatzspektrums: Stürze und Verletzungen beim Wandern und Bergsteigen, bei denen medizinische Erstversorgung und der oft aufwendige Abtransport aus dem Gelände notwendig werden.
Ötschergräben/Mitterbach – schlechte Planung und Navigation:
Besonders deutlich wurde die Problematik bei einem aufwendigen Einsatz im Ötschergebiet: Ein Wanderer war von seiner ursprünglich geplanten Route abgekommen und mithilfe digitaler Navigation in wegloses, felsiges Gelände geraten. Ungenaue Ortsangaben und die schwierige telefonische Erreichbarkeit erschwerten die Suche zusätzlich. Erst die Kombination aus einem Hinweis des Betroffenen, der Gebietskenntnis der Bergretter und einem Suchflug führte zur Lokalisierung.




