Landesleiter Weber: “Man wird auch über Konsequenzen nachdenken müssen”
Mitterbach/Gemeindealpe. Der Winterkurs der Bergrettung NÖ bietet den Blick nach vorne und zurück gleichermaßen: Während 39 neue Bergretterinnen und Bergretter mit ihrer Grundausbildung in ihre Einsatzzukunft starten, lässt die Bergrettung NÖ/Wien die Einsatzbilanz 2025 Revue passieren. Dabei wird deutlich: Niederösterreich liegt im Bundesländer-Spitzenfeld. Auch Leichtsinn und Konsequenzen werden dabei offen diskutiert.
“Der letzte Tag der Winterausbildung birgt für unsere Neo-Bergretterinnen und Bergretter immer große Spannung”, sagt Mona Dietl (17) vor der strahlenden Ötscherkulisse, die nach ihrer Zeit in der Bergrettungsjugend gerade ihre Ausbildung zur Bergretterin abschließt. “Nicht nur weil sich damit zwei Jahre harter Arbeit in der Grundausbildung bezahlt machen, sondern auch weil damit die finale nächtliche Einsatzübung näher rückt.“ Mit dieser bereitet die Landesausbildungsleitung die Einsatzkräfte “in spe” auf die realen Einsatzbedingungen vor. Erst in der Vorwoche musste die Bergrettung dementsprechend vier schlecht ausgerüstete Langläufer bei widrigsten Bedingungen in den Nachtstunden vom Dürrenstein retten.
886 Einsätze stellen Einsatzrekord von 2021 ein – knapp 1.000 Personen gerettet
“Es ist dies nur ein Einsatzbeispiel, wie es heuer oder auch im letzten Jahr immer öfter vorkommt. 886 Mal mussten unsere Ehrenamtlichen Bergretterinnen und Bergretter 2025 ausrücken, so viele wie noch nie. Und das stellt auch unseren Einsatzrekord von 2021 ein, wo 841 Einsätze zu bewältigen waren. Jeder Einzelne von ihnen zeigt, wie wichtig die Vorbereitung auf den Ernstfall ist, so wie das eben auch der Bergrettungsnachwuchs tut.” so Karl Weber, Landesleiter der Bergrettung NÖ/Wien. Das Einsatzgeschehen stellt ein Plus von 10 % gegenüber dem Vorjahr 2024 dar. “Gerade mit Blick auf die Olympischen Spiele, wissen wir, dass Rekorde ja etwas sind, worüber man sich gewöhnlich freut. In diesem Fall ist es gänzlich anders, es sind Rekorde, die wir uns nicht wünschen, die uns aber Respekt und Dankbarkeit gegenüber den Bergrettern abverlangen.”, so Weber. Seit 2015 (685 Einsätze) ist das Einsatzaufkommen gar um knapp 30 % gestiegen.
Im Schnitt mussten die Bergretterinnen und Bergretter somit statistisch gesehen 2,5 Mal pro Tag ausrücken, um Menschen aus alpinen Notlagen zu retten. Insgesamt wurden 928 Personen und damit um 10% mehr als 2024 gerettet. Die Zahl der tödlichen Alpinunfälle ist auf elf gesunken (Vorjahr: 14). 684 Personen (+19 %) mussten nach Unfällen medizinisch versorgt und abtransportiert werden. Dieses Plus ist sowohl mit Verletzungen im freien Gelände als auch auf Skipisten und Rodelbahnen zurückzuführen. “Ein Zeichen, dass die Bergrettung auch für den Tourismus unschätzbare Leistungen erbringt”, so Weber. In Summe leistete die Bergrettung rund 20.000 ehrenamtliche Stunden in der Abwicklung, Vor- und Nachbereitung und Administration von Einsätzen.
Die Zahl der Einsätze, bei denen Unverletzte aufgrund von Erschöpfung, fehlender Ausrüstung oder Selbstüberschätzung gerettet werden mussten, bleibt mit 233 Einsätzen auf einem hohen Niveau. ”Bedauerlich ist, dass diese Einsätze mit besserer Vorbereitung vermieden werden könnten,” so Weber. Zudem verschiebt sich das Einsatzgeschehen immer weiter in die Tagesrandzeiten bis in die Nacht hinein – die Nachteinsätze stiegen auf 102 (+20 %).
Auf die Frage warum die Bergrettung aktuell so gefordert ist, nennt Weber fünf Gründe: „Erstens, Unterschätzung der Gefahren – oft bedingt durch Falschinformationen in den Sozialen Medien -, zweitens, schlechte Vorbereitung, drittens steigendes Aufkommen in den Bergen, viertens rasche Wetterumschwünge und fünftens, fehlende Eigenverantwortung. Wir erleben seit mehreren Jahren eine Vollkaskomentalität. Viele gehen mit großer Achtlosigkeit und dem Irrglauben der bedingungslosen Rettung in die Berge. Diese gibt es aber nicht, denn auch Rettungseinsätze werden bei Gefahren für Bergretterinnen und Bergretter abgebrochen. Stichwort Lawinengefahr.“ Besonders besorgniserregend ist für die heimischen Bergrettretter die Unterschätzung der niederösterreichischen Berge – oft aufgrund geringerer Höhen. “Diese Fehleinschätzung vielen unserer Patienten wird erst in Unfallsituationen schlagartig bewusst. Wir möchten heute einmal mehr darauf aufmerksam machen.”, so Weber.
Prävention, Information & Konsequenzen
Die starken Schneefälle der letzten Tage in Kombination mit dem Leichtsinn haben nicht nur im Westen Österreichs einen hohen Blutzoll gefordert, sondern sind auch potentieller Vorbote für Lawineneinsätze mit Personenbeteiligung hierzulande. “Aktuell herrscht ‘Lawinenwarnstufe 3 – Erhebliche Lawinengefahr’ in weiten Teilen Niederösterreichs, die auf einem instabilen Schneedeckenaufbau fußt, resultierend aus einem Altschneeproblem und massiven Neuschneemassen. Aus diesem Grund werden wir nicht müde, auf Lawinengefahren hinzuweisen in den Medien auf Social Media und so weiter.” Bei derartigen Bedingungen ist eine entsprechende Lawinenausrüstung, bestehend aus LVS (Lawinenverschüttetensuchgerät), Sonde und Schaufel, für alle Bergsportler außerhalb der gesicherten Pisten unabdingbar und mittlerweile Verkehrsnorm.” Folgedessen sind auch Lawinenübungen wie jene am Ötscher vor vier Wochen wichtig, weil damit der Ernstfall erprobt wird.
Die Präsentation der Einsatzbilanz ist für die Bergrettung vor allem auch eine Chance, Prävention und Information in den Mittelpunkt zu rücken. “Wir sind über die aktuelle Debatte über Eigenverantwortung, Leichtsinn und Konsequenzen nicht undankbar”, sagt Weber mit Blick auf das Großglockner-Urteil und die öffentliche Diskussion, ob Strafen oder Einsatzkosten angehoben werden sollen.
Die Bergretterinnen und Bergretter sind ehrenamtlich tätig, die Einsätze werden dennoch verrechnet. Die Kosten orientieren sich an Einsatzart und -dauer und werden herangezogen, um Einsatzmaterial, Transportmittel, Infrastruktur und Trainingsbetriebe zu ermöglichen. Gleichzeitig betont die Bergrettung Niederösterreich, dass diese Art von Einsatzgeschehen nur ehrenamtlich geleistet werden kann, da andererseits eine Kostenexplosion entstünde. “Klar ist aber auch, dass, wenn uns als Gesellschaft die Eigenverantwortung abhanden kommt, ein Kollaps droht. Das heißt, politisch und einsatztaktisch wird man auch über Konsequenzen nachdenken müssen, wenn sich dieser Trend weiter manifestiert. Eigenverantwortung und Vorbereitung sind und bleiben die verlässlichste Lebensversicherung.”
Auf die Frage, ob das aktuelle Einsatzgeschehen eine Überforderung darstellt, antwortet Weber: “Bergretterinnen und Bergretter agieren ehrenamtlich, dementsprechend geht jeder Einsatz zulasten der Freizeit, Familien- oder Arbeitszeit. Klar ist auch, dass jede und jeder einzelne Retter für diese Fälle bestmöglich vorbereitet ist, um in Extremsituationen zu bestehen und Menschenleben zu retten. Sei es am Lawinenkegel, wo ein klar abzuarbeitendes Prozedere vorgegeben ist, oder beim mehrtägigen Sucheinsatz im Sommer. Darüber hinaus kann jeder Bergretter, der das möchte, unsere Peer-Angebote nutzen, um das Erlebte zu verarbeiten. Dazu laden wir jede und jeden ein und deshalb ist uns auch eine intakte Vertrauenskultur wichtig beizubehalten.”
Die Bergrettung erwähnt jedoch auch, dass der “Eigenschutz vor Fremdschutz” geht und es kein “Recht auf Rettung” gibt. “Nicht immer kann ein Rettungseinsatz, zB. aufgrund der Lawinengefahr, in Gang gesetzt werden. Das muss mir als Alpinsportlerin, als Alpinsportler einfach bewusst sein.”, sagt Weber.
Das Miteinander als unverzichtbares Fundament
Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner bedankt sich bei der Bergrettung: „Die Einsatzbilanz 2025 zeigt wieder einmal, dass unsere Bergrettung einen unschätzbaren Beitrag in der Sicherheitsfamilie Niederösterreich genauso wie zum heimischen Tourismus leistet. Dafür sagen wir einmal mehr danke und wollen versichern, der Bergrettung NÖ/W verlässlicher Partner zu bleiben.“
„Die Bergrettung ist als Sonderrettungsdienst ein unverzichtbarer Bestandteil der Rettungskette in unserem Bundesland. Als Sicherheitsnetz im alpinen Raum leisten die freiwilligen Retterinnen und Retter rasche und professionelle Hilfe in Notlagen. Einsätze im unwegsamen Gelände verlangen nicht nur Mut und außergewöhnliche Einsatzbereitschaft, sondern auch höchste fachliche Kompetenz“, dankt Landesrätin Eva Prischl für das beeindruckende Engagement und die unzähligen ehrenamtlich geleisteten Stunden.
Der Dank der Landesleitung gilt vor allem den 29 Ortsstellen und den rund 1.340 ehrenamtlichen Mitgliedern. “Jede einzelne Ortsstelle leistet einen unschätzbaren Beitrag zur Sicherheit in den Bergen, aber auch zum gesellschaftlichen Leben im Tal.”, so Weber.
„Hinter jeder Zahl in der Statistik steht ein Schicksal – und eine Gruppe von Freiwilligen, die ihre Freizeit aufbringen, um anderen zu helfen, all das ist nicht selbstverständlich und dafür sagen wir heute wieder einmal danke, für Tausende ehrenamtlich geleistete Stunden“, sagt Landesrätin Ernst Eva Prischl. Auch die Zusammenarbeit mit Partnern wie der Flugpolizei, den Notarzthubschraubern und dem Land Niederösterreich sowie der gesamten niederösterreichischen Sicherheitsfamilie funktioniere hervorragend. „Ein besonderer Dank gilt Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Landesrätin Eva Prischl für die stetige Unterstützung unserer ehrenamtlichen Arbeit.“




